(ver-) nebel (-t)


Wo die Landschaft im Nebel versinkt und die Wahrheit im Verborgenen bleibt.
Oder
Von der Poesie des Nebels und den Schatten jener, die ihn zu nutzen wissen.
Oder
Von der Schönheit der Natur im Verborgenen, aber auch der teuflischen Kunst, Menschen nicht alles sehen zu lassen.
Quelle: Musik REM Drive https://youtu.be/-UE7tXDKIus?is=uma07ZbpajtJMKem
R.E.M. - Drive (Official HD Music Video)
Es gibt diese eigenartigen Momente auf Reisen, in denen sich die Landschaft plötzlich entschließt, ihre Schönheit nicht vollständig preiszugeben, in denen Berge verschwinden, obwohl sie nachweislich noch vor wenigen Minuten an derselben Stelle standen, Täler sich in einem weißen Nichts verlieren und selbst die Bäume am Straßenrand nur noch als schemenhafte Gestalten aus dem Dunst auftauchen, als hätten sie beschlossen, für eine Weile nicht mehr Teil unserer gewöhnlichen, vollständig vermessenen und bis ins kleinste Detail erklärten Welt zu sein, sondern lieber in einem jener mystischen Märchen mitzuspielen, in denen man nie so genau weiß, ob hinter der nächsten Kurve ein verwunschenes Schloss, eine bezaubernde Fee oder vielleicht doch nur ein Autofahrer ohne Licht wartet.
Nebel kann wunderschön sein, gerade weil er der Landschaft ihre Selbstverständlichkeit nimmt, gewöhnliche Hügel in geheimnisvolle Gebirge verwandelt, Wälder wie verzauberte Welten erscheinen lässt und selbst einer unscheinbaren Straße jene rätselhafte Tiefe zurückgibt, die wir ihr mit unseren Navigationsgeräten, Satellitenbildern und der ständigen Verfügbarkeit sämtlicher Informationen längst genommen zu haben glaubten.
Und während man vorsichtig durch diese weiße Welt spaziert, in der die Sicht manchmal kaum bis zum nächsten Baum reicht, entdeckt man plötzlich eine Schönheit, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie nicht vollständig sichtbar ist, dass sie Raum für Fantasie lässt und uns daran erinnert, wie viel größer die Welt ist als jener kleine Ausschnitt, den wir gerade erkennen können.
Ein Spaziergang mit beschränkter Sicht
Eigentlich wollte ich nur spazieren gehen, irgendwo durch eine jener wunderschönen Landschaften. Berge, Wälder, Wege und selbst die nächsten Häuser verschwinden bei diesem Wetter hinter einem dichten Schleier aus weißgrauem Nebel, sodass die Welt nur noch aus wenigen Metern sichtbarer Wirklichkeit bestand, während alles dahinter in jenem geheimnisvollen Nichts versank, das auf Reisen eine beinahe magische Anziehungskraft entwickeln kann, weil man plötzlich wieder neugierig wird auf das, was sich hinter der nächsten Kurve, dem nächsten Baum oder dem nächsten Hügel verbergen könnte. Oder auch weil er sich bewegt,langsam, mystisch und dann auch aufkl-a/ä-rend.
Und während ich durch diese eigenartig stille Landschaft wanderte, begegneten mir immer wieder Menschen, die scheinbar vollkommen unbeeindruckt von den eingeschränkten Sichtverhältnissen ihre Wege gingen, manche zielstrebig, andere etwas orientierungslos, einige mit gesenktem Blick auf ihre Mobiltelefone, deren kleine leuchtende Bildschirme ihnen offenbar mehr Sicherheit vermittelten als die tatsächliche Welt um sie herum, und wieder andere so überzeugt von ihrer eingeschlagenen Richtung, dass man beinahe meinen konnte, sie hätten den Nebel überhaupt nicht bemerkt.
Da kam mir plötzlich ein Gedanke, der sich zunächst ebenso unscheinbar anschlich wie die feuchten Schwaden zwischen den Bäumen, dann aber mit jedem Schritt deutlicher wurde, bis ich schließlich nicht mehr wusste, ob ich gerade durch eine wunderschöne Landschaft spazierte oder durch eine ziemlich treffende Darstellung unserer modernen Gesellschaft, in der unzählige Menschen tagtäglich ihren gewohnten Wegen folgen, arbeiten, konsumieren, diskutieren, sich empören und bei jeder Gelegenheit erklären, wie die Welt funktioniert, obwohl sie möglicherweise kaum erkennen können, welche Interessen, Abhängigkeiten und Entscheidungen sich hinter den sorgfältig gepflegten Kulissen ihres Alltags verbergen.
Dabei wirkte niemand besonders beunruhigt, niemand blieb stehen, um sich zu fragen, weshalb die Sicht eigentlich so schlecht war, und vielleicht war genau das das Erstaunlichste an diesem Spaziergang, dass der Nebel nicht nur die Landschaft verhüllte, sondern mir plötzlich wie ein Sinnbild jener gesellschaftlichen Vernebelung erschien, in der Menschen durchaus klug, freundlich und voller guter Absichten sein können und dennoch bereitwillig den vorgegebenen Wegen folgen, ohne zu bemerken, wie wenig sie von dem erkennen, was um sie herum tatsächlich geschieht.
Natürlich konnte ich nicht wissen, was die anderen Spaziergänger dachten, ob sie den Nebel genossen, sich über ihn ärgerten oder längst ganz andere Dinge im Kopf hatten, und vielleicht war ausgerechnet ich derjenige, der sich auf der Suche nach einer tiefgründigen Erkenntnis wieder einmal etwas zu weit in seine eigenen Gedanken verirrt hatte, doch das Bild ließ mich nicht mehr los: Menschen, die durch eine Welt laufen, deren Konturen sie kaum erkennen können, und trotzdem mit einer Selbstverständlichkeit unterwegs sind, als läge der gesamte Weg offen vor ihnen.
Und während sich zwischen den Bäumen immer neue Gestalten aus dem Nebel schälten, nur um wenige Augenblicke später wieder darin zu verschwinden, fragte ich mich, ob das eigentlich Beunruhigende an unserer Zeit nicht die Tatsache ist, dass so vieles im Verborgenen bleibt, sondern dass wir uns längst daran gewöhnt haben, mit beschränkter Sicht zu leben, während jene, die von dieser Undurchsichtigkeit profitieren, möglicherweise überhaupt kein Interesse daran haben, dass sich der Nebel irgendwann lichtet.
Die Kunst des Vernebelns
Denn während die Natur lediglich ein wenig Wasser in der Luft verteilt, benötigt die moderne Gesellschaft für ihre Nebelproduktion inzwischen ganze Apparate aus Erklärungen, Verlautbarungen, Expertenmeinungen, Gegendarstellungen, politischen Versprechen, wirtschaftlichen Interessen und jener bemerkenswerten sprachlichen Kreativität, mit der man aus einer unangenehmen Wahrheit eine durchaus angenehm klingende Formulierung machen kann, solange man sie nur oft genug wiederholt und mit ausreichend bedeutungsvoller Miene vorträgt.
Da wird nicht unbedingt gelogen, denn das wäre schließlich viel zu einfach, sondern stattdessen ausgewählt, gewichtet, umformuliert, relativiert, eingeordnet und gelegentlich so lange erklärt, bis selbst ein ursprünglich vollkommen überschaubarer Sachverhalt hinter einer derart dichten Wand aus Worten verschwindet, dass man beinahe geneigt ist, sich für seine eigene Unfähigkeit zu entschuldigen, das Offensichtliche nicht mehr erkennen zu können.
Und während wir uns durch diesen Nebel aus Informationen bewegen, begegnen uns überall Menschen, die mit bemerkenswerter Überzeugung behaupten, sie hätten selbstverständlich den vollständigen Durchblick, was angesichts der Tatsache, dass sie häufig nicht einmal erkennen, wie begrenzt ihre eigene Sicht ist, eine durchaus beeindruckende Form menschlicher Selbstüberschätzung darstellt.
Vielleicht liegt darin eine der größten Gefahren unserer Zeit, nicht darin, dass uns Informationen fehlen, sondern darin, dass zwischen all den Informationen zunehmend schwerer zu erkennen ist, wer eigentlich welche Interessen verfolgt, wer von welchen Entscheidungen profitiert und wer am Ende die Verantwortung trägt.
Denn im Nebel verschwinden nicht unbedingt die Dinge selbst. Sondern ihre Konturen.
Und damit manchmal auch die Verantwortlichen.
Die unsichtbaren Strippen
Besonders interessant wird es dort, wo politische Entscheidungen auf wirtschaftliche Interessen, institutionelle Macht und jene schwer durchschaubaren Verflechtungen treffen, die sich hinter Begriffen wie Beratung, Interessenvertretung, strategischer Zusammenarbeit oder politischer Abstimmung verbergen können, denn während auf der sichtbaren Bühne mit großem Ernst über Ziele, Werte und Notwendigkeiten gesprochen wird, bleibt für den gewöhnlichen Zuschauer häufig unklar, wer im Hintergrund tatsächlich Einfluss nimmt und welche Überlegungen den Entscheidungen
vorausgegangen sind.
Natürlich ist nicht jede Einflussnahme eine Verschwörung, nicht jedes Gespräch hinter verschlossenen Türen ein finsterer Plan und nicht jeder Mensch, der politische Entscheidungen beeinflusst, automatisch ein heimlicher Strippenzieher, doch gerade weil Macht in einer komplexen Gesellschaft auf viele Institutionen und Akteure verteilt ist und mittlerweile riesige Dimensionen angenommen hat, kann ihre tatsächliche Wirkung für Außenstehende ausgesprochen schwer nachvollziehbar werden.
Und genau dort beginnt der politische Nebel, denn wenn Entscheidungen sichtbar sind, ihre Entstehung aber kaum noch nachvollzogen werden kann, wenn Verantwortlichkeiten zwischen Institutionen, Gremien und Zuständigkeiten hin- und herwandern und am Ende niemand mehr so recht erklären möchte, wer eigentlich wofür verantwortlich war, dann entsteht eine Form der Undurchsichtigkeit, die selbst dann problematisch bleibt, wenn sie nicht absichtlich geschaffen wurde.
Das Teuflische daran ist vielleicht gerade, dass es nicht einmal einen einzigen großen Strippenzieher benötigt, sondern manchmal schon ausreicht, wenn jeder ein wenig zieht, niemand die gesamten Fäden überblickt und diejenigen, die am Ende an ihnen hängen, nicht einmal mehr erkennen können, wo sie befestigt sind.
Von Sklaven und scheinbar freien Menschen
Vielleicht ist diese Kunst der Vernebelung überhaupt keine besonders moderne Erfindung, denn schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden verstanden es die Mächtigen, sich die Arbeitskraft anderer Menschen zunutze zu machen, während jene, die unter den erbärmlichsten Bedingungen schufteten, kaum Einfluss darauf hatten, wer über ihr Leben bestimmte, und mancher Sklavenhalter seine menschlichen Besitztümer vermutlich mit derselben nüchternen Selbstverständlichkeit betrachtete, mit der heute ein Landwirt den Bestand seiner Massentierhaltung verwaltet, wobei sich angesichts unserer hochentwickelten Zivilisation die unangenehme Frage stellt, ob wir die dahinterliegende Logik tatsächlich vollständig überwunden oder lediglich ihre äußere Erscheinung verändert haben. Natürlich ist ein Mensch, der heute arbeitet, eine Wohnung mietet oder einen Kredit abbezahlt, nicht mit einem rechtlich entrechteten und gewaltsam versklavten Menschen gleichzusetzen, doch gerade diese Unterschiede sollten uns nicht daran hindern, jene wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu hinterfragen, die Freiheit zwar versprechen, sie aber für manche zu einer lebenslangen Verpflichtung machen, denn wer jahrzehntelang arbeiten muss, um ein Dach über dem Kopf zu behalten, und dabei kaum Gelegenheit findet, über die Bedingungen seines eigenen Lebens mitzubestimmen, könnte sich gelegentlich fragen, wie frei seine Entscheidungen tatsächlich sind. Vielleicht besteht die raffiniertere Form moderner Menschenhaltung nicht mehr darin, die Türen von außen abzuschließen, sondern darin, den Menschen einen Schlüssel in die Hand zu drücken, ihnen zu erklären, sie seien vollkommen frei, und dafür zu sorgen, dass sie vor lauter Arbeit niemals dazu kommen, nachzusehen, wem eigentlich das Haus gehört.
Im Nebel der Gutgläubigkeit
Und dann gibt es natürlich noch uns, die Menschen, jene bemerkenswerte Spezies, die einerseits in der Lage ist, Raumsonden auf andere Planeten zu schicken, andererseits aber gelegentlich erstaunliche Schwierigkeiten damit hat, zwischen einer gut klingenden Erklärung und einer tatsächlich guten Erklärung zu unterscheiden, besonders dann, wenn Erstere von jemandem vorgetragen wird, der über einen überzeugenden Titel, eine passende Uniform oder einen ausreichend seriösen Gesichtsausdruck verfügt.
Dabei sind es keineswegs nur die Dummen, die sich vernebeln lassen, denn auch intelligente, gebildete und grundsätzlich wohlmeinende Menschen können sich so sehr an vertraute Erzählungen, gesellschaftliche Erwartungen und die vermeintliche Sicherheit ihrer eigenen Überzeugungen gewöhnen, dass sie irgendwann kaum noch bemerken, wie wenig sie tatsächlich selbst überprüft haben.
Das zeigte sich für mich besonders in der Coronazeit.
Man möchte schließlich zu den Guten gehören, zu den Vernünftigen, zu jenen, die verstanden haben, wie die Welt funktioniert, und gerade dieser durchaus menschliche Wunsch kann dazu führen, dass man lieber den vertrauten Rücklichtern folgt, als sich einzugestehen, dass man selbst nicht mehr genau weiß, wohin die Reise eigentlich geht.
Besonders unangenehm wird es, wenn Menschen, die ihre eigene Orientierung längst an andere abgegeben haben, anschließend mit großer moralischer Überzeugung jene zurechtweisen, die sich erdreisten, nach dem Weg zu fragen, denn wer Zweifel äußert, stört die scheinbare Gewissheit, wer nach Verantwortlichkeiten fragt, macht sich unbequem, und wer wissen möchte, weshalb man eigentlich in diese Richtung unterwegs ist, bekommt gelegentlich eine ausführliche Erklärung darüber, warum es ausgesprochen gefährlich sei, ausgerechnet jetzt die Fahrtrichtung infrage zu stellen.
So kann aus Gutgläubigkeit eine Form von Blindheit entstehen, die nicht deshalb gefährlich ist, weil die Menschen böse wären, sondern weil sie möglicherweise gar nicht mehr bemerken, wem sie folgen
Das habe ich besonders auch in Schweden erfahren dürfen.
Teuflisch gute Sichtverhältnisse
Vielleicht ist das eigentlich Perfide an der gesellschaftlichen Vernebelung, dass sie nicht unbedingt dadurch funktioniert, dass man Menschen das Sehen verbietet, sondern dadurch, dass man ihnen ständig etwas zeigt, während das Wesentliche außerhalb des sichtbaren Ausschnitts bleibt.
Man darf schauen, man darf diskutieren, man darf sich empören und man darf selbstverständlich zwischen den unterschiedlichsten Erklärungen wählen, solange man dabei nicht vergisst, dass die Auswahl dessen, worüber überhaupt gesprochen wird, bereits einen erheblichen Einfluss darauf haben kann, was am Ende als Wirklichkeit wahrgenommen wird.
Während sich die einen über das neueste politische Schlagwort streiten, beschäftigen sich die anderen mit der nächsten gesellschaftlichen Empörung, und irgendwo dazwischen verschwinden Fragen nach langfristigen Folgen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und tatsächlichen Machtverhältnissen hinter jener täglichen Aufregung, die uns so zuverlässig beschäftigt, dass für einen ruhigeren Blick auf die Zusammenhänge kaum noch Zeit bleibt.
Das ist fast schon eine geniale Konstruktion, denn man braucht keine Mauern, wenn die Menschen den Weg ohnehin nicht mehr erkennen, man braucht keine vollständige Dunkelheit, wenn ausreichend Nebel genügt, und man braucht nicht einmal jemanden, der ausdrücklich verbietet, genauer hinzusehen, solange genügend andere bereitstehen, um zu erklären, weshalb die Suche nach mehr Durchblick gerade jetzt vollkommen unangebracht sei.
Wenn die Landschaft verschwindet
Während ich durch die neblige Landschaft spazierte, den Weg nur wenige Meter vor mir erkennen konnte und irgendwo hinter den weißen Schwaden jene Berge, Wälder und Küsten vermutete, die ich eigentlich hatte sehen wollen, wurde mir allerdings ein entscheidender Unterschied zwischen dem natürlichen und dem gesellschaftlichen Nebel bewusst.
Der natürliche Nebel verschwindet irgendwann wieder, die Sonne steigt höher, die Luft erwärmt sich, die Schwaden lösen sich auf und plötzlich liegt die Landschaft wieder vor einem, als hätte sie sich die ganze Zeit nur einen kleinen Scherz erlaubt, während die Berge selbstverständlich noch immer an ihrem Platz stehen und das Meer weiterhin gegen die Küste schlägt, vollkommen unbeeindruckt davon, ob wir es zwischenzeitlich sehen konnten oder nicht.
Beim gesellschaftlichen Nebel ist das leider nicht ganz so einfach, denn dort genügt es nicht unbedingt, auf die Sonne zu warten, sondern man muss manchmal Fragen stellen, die unbequem sind, Zusammenhänge suchen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar werden, und sich vor allem die Mühe machen, auch jene Erklärungen zu überprüfen, die besonders gut zum eigenen Weltbild passen.
Das ist anstrengend, manchmal ernüchternd und gelegentlich wesentlich unangenehmer, als einfach weiter den Rücklichtern des Vordermanns zu folgen, aber vielleicht ist genau das der Preis für einen eigenen Blick auf die Welt.
Licht im Nebel
Und trotzdem bleibt der Nebel für mich eine der schönsten Erscheinungen der Natur, denn während er die Landschaft in eine geheimnisvolle Welt verwandelt, die Berge verschwinden lässt und selbst gewöhnlichen Bäumen etwas beinahe Überirdisches verleiht, erinnert er uns ganz nebenbei daran, dass wir Menschen keineswegs immer alles überblicken können und dass gerade die Bereitschaft, die Grenzen unserer Wahrnehmung zu erkennen, vielleicht eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür ist, irgendwann tatsächlich etwas besser zu verstehen.
Die Natur macht aus Nebel Schönheit.
Der Mensch kann daraus ein Machtinstrument machen.
Und während sich die weißen Schleier langsam von den Bergen lösen, das Licht wieder durch die Täler fällt und irgendwo in der Ferne das Meer sichtbar wird, bleibt die etwas unangenehme Erkenntnis zurück, dass wir zwar gelernt haben, beinahe jede Landschaft unseres Planeten zu vermessen, aber noch immer erstaunlich anfällig dafür sind, uns von Menschen den Blick auf unsere eigene Wirklichkeit verstellen zu lassen.
Vielleicht sollte man deshalb auf Reisen nicht nur darauf achten, welche Landschaften sich hinter dem Nebel verbergen, sondern auch darauf, wer uns im Alltag erklärt, was wir angeblich dahinter zu sehen haben, denn der Nebel der Natur ist vergänglich, während der Nebel der Macht sich erstaunlich hartnäckig halten kann.
Und vielleicht ist das eigentlich Teuflische an der ganzen Sache, dass wir uns beim Spaziergang über den Nebel freuen, der die Landschaft mystisch und geheimnisvoll erscheinen lässt, während wir im gesellschaftlichen Alltag häufig gar nicht mehr bemerken, wie gründlich uns die Sicht genommen wurde.
Denn während die Natur nur Wasser braucht, um uns die Sicht zu nehmen, schafft der Mensch das inzwischen allein mit heißer Luft.
Und vielleicht bleibt trotz all der Jahrhunderte und Jahrtausende, in denen Menschen andere Menschen beherrschten, ausbeuteten und ihnen mit immer neuen Formen der Verschleierung einredeten, ihre Unfreiheit sei eigentlich Freiheit, doch jene leise, beinahe unverschämte Hoffnung, dass auch der dichteste menschengemachte Nebel irgendwann dem Licht weichen muss, nicht weil plötzlich ein neuer Herrscher die Sonne einschaltet oder uns ein weiterer selbst ernannter Erleuchteter erklärt, wo es langgeht, sondern weil das Licht seinen Weg vielleicht ganz von allein durch die kleinsten Risse unserer Gewohnheiten, Ängste und Überzeugungen findet, bis wir eines Tages begreifen, dass menschliches Dasein mehr sein könnte als ein ewiger Kampf zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Gut und Böse, zwischen jenen, die den Nebel erzeugen, und jenen, die darin umherirren, und dass wir möglicherweise irgendwann eine gemeinsame Schwingung, eine Art menschliche Frequenz erreichen, auf der wir nicht länger gegeneinander leben müssen, sondern miteinander existieren können, ohne uns ständig einordnen, unterwerfen oder über andere erheben zu wollen, sodass das, was wir heute noch etwas unbeholfen als das Gute bezeichnen, gar keinen Gegensatz mehr benötigt, weil es schlicht zur Selbstverständlichkeit geworden ist – und der Nebel, der uns so lange voneinander und von uns selbst getrennt hat, endlich nichts anderes mehr sein darf als das, was er in der Natur schon immer war: ein wunderschönes Schauspiel aus Wasser und Licht.
Mac Malik Production 2026



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