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kreisverkehr

Writer: Malik (Künstlername)
Malik (Künstlername)
Oct 27
11 min read

kreisverkehr

Von der Kunst, sich ständig zu bewegen, ohne wirklich voranzukommen.

Es gibt auf Reisen diese eigenartigen Momente, in denen man sich fragt, ob die Menschheit bei der Entwicklung ihrer Verkehrsinfrastruktur vielleicht nicht nur praktische Überlegungen angestellt, sondern ganz nebenbei auch versucht hat, ihre eigene geistige Verfassung möglichst anschaulich in Beton und Asphalt zu verewigen, und kaum ein Bauwerk scheint mir dafür geeigneter als jener unscheinbare, meist mit ein paar Sträuchern, Blumen oder einem mehr oder weniger gelungenen Kunstwerk geschmückte Kreisverkehr, der uns mit freundlicher Selbstverständlichkeit dazu einlädt, zunächst einmal im Kreis zu fahren, bevor wir entscheiden dürfen, wohin wir eigentlich wollen, was angesichts der Tatsache, dass wir doch eigentlich unterwegs sind, um irgendwo anzukommen, bereits eine bemerkenswerte philosophische Leistung darstellt.

Während ein einzelner Kreisverkehr noch eine durchaus überschaubare Angelegenheit ist, bei der man mit etwas Aufmerksamkeit, einem halbwegs funktionierenden Orientierungssinn und der Fähigkeit, bis drei zu zählen, meistens ohne größere Schwierigkeiten die gewünschte Ausfahrt findet, kann eine längere Reise durch jene europäischen Landschaften, in denen sich die Kreisel mittlerweile aneinanderreihen wie die Perlen einer besonders einfallslosen Halskette, irgendwann zu einer Herausforderung werden, bei der man nicht mehr genau weiß, ob man gerade nach Norden, Süden, Osten oder Westen unterwegs ist oder lediglich sämtliche Himmelsrichtungen in einer Reihenfolge ausprobiert, die sich irgendein Verkehrsplaner ausgedacht hat.

Besonders unterhaltsam wird die Angelegenheit, wenn das Navigationsgerät mit jener unerschütterlichen Überzeugung, die früher ausschließlich religiösen Würdenträgern und heute offenbar auch elektronischen Stimmen vorbehalten ist, verkündet, man möge die dritte Ausfahrt nehmen, während der Beifahrer auf die zweite besteht, man selbst bereits die vierte passiert hat und das kleine blaue Dreieck auf dem Bildschirm offenbar beschlossen hat, seine eigene Vorstellung von geografischer Wirklichkeit zu entwickeln, weshalb man sicherheitshalber noch eine Runde dreht, was ja zunächst niemandem schadet und außerdem genügend Zeit bietet, über die bemerkenswerten Parallelen zwischen moderner Verkehrsführung und dem Zustand unserer Gesellschaft nachzudenken.

Denn vielleicht ist der Kreisverkehr längst mehr als eine praktische Lösung für Kreuzungen geworden.

Vielleicht ist er das perfekte Symbol unserer Zeit.

Immer schön im Kreis

Dabei ist der Kreis zunächst einmal eine wunderbare Form, die weder Anfang noch Ende kennt, keine Ecken besitzt, an denen man sich stoßen könnte, und seit Jahrtausenden als Sinnbild für Vollkommenheit, Einheit und Unendlichkeit gilt, weshalb es durchaus erstaunlich ist, dass wir Menschen ausgerechnet dieses Symbol kosmischer Harmonie dazu verwenden, uns gegenseitig die Vorfahrt zu nehmen und anschließend darüber zu streiten, wer eigentlich zuerst hätte blinken müssen.

Die Sonne erscheint uns rund, der Mond ebenfalls, die Erde ist annähernd kugelförmig, und selbst das Leben bewegt sich in Kreisläufen, vom Wechsel der Jahreszeiten über das Werden und Vergehen bis zu jenen biologischen Vorgängen, die uns täglich daran erinnern, dass auch die menschliche Existenz letztlich nur ein vorübergehender Zustand innerhalb eines wesentlich größeren Zusammenhangs ist, was allerdings die wenigsten davon abhält, sich selbst für den Mittelpunkt dieses Zusammenhangs zu halten.

Ohne Kreisläufe gäbe es vermutlich weder Natur noch Leben, und ohne Kreisverkehre würden manche Kreuzungen wahrscheinlich aussehen wie eine spontane Versammlung besonders unentschlossener Blechlawinen, weshalb es keineswegs darum gehen kann, den Kreis grundsätzlich zu verteufeln, sondern vielmehr um jene merkwürdige Angewohnheit, aus einer sinnvollen Bewegung irgendwann einen Dauerzustand zu machen.

Denn Bewegung allein bedeutet noch lange nicht, dass wir vorankommen, und wer sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit im Kreis dreht, kann zwar nach einiger Zeit einen durchaus beeindruckenden Drehwurm entwickeln, wird seinem ursprünglichen Ziel aber keinen einzigen Meter näherkommen, was jeder bestätigen kann, der schon einmal in einer fremden italienischen Stadt auf der Suche nach einem Parkplatz war, während sämtliche verfügbaren Stellflächen offenbar ausschließlich für Menschen reserviert waren, die entweder bereits dort wohnten oder über eine besondere persönliche Beziehung zum örtlichen Ordnungsamt verfügten.

Und je länger man sich dreht, desto vertrauter erscheint einem irgendwann die Umgebung, bis man das Blumenbeet, das Verkehrsschild und jenen leicht schief stehenden Baum bereits so gut kennt, dass man beinahe geneigt ist, ihnen beim nächsten Vorbeifahren freundlich zuzuwinken, während man gleichzeitig immer weniger darüber nachdenkt, weshalb man überhaupt in diesen Kreisverkehr eingefahren ist.

Vielleicht ist das der eigentliche Trick.

Nicht uns daran zu hindern, weiterzufahren.

Sondern uns so lange fahren zu lassen, bis wir vergessen haben, wohin.

Die Matrix hat Vorfahrt

Nun wäre es natürlich ausgesprochen bequem, die ganze Angelegenheit auf den Straßenverkehr zu beschränken, doch leider hat die moderne Gesellschaft eine erstaunliche Begabung entwickelt, aus nahezu jedem Kreisverkehr ein Lebensmodell zu machen, in dem wir uns zwischen Informationskreisen, Meinungskreisen, Freundeskreisen, Wirtschaftskreisläufen und politischen Kreisläufen bewegen, während uns von allen Seiten versichert wird, dass wir uns unaufhaltsam weiterentwickeln, obwohl wir gelegentlich nur an denselben Problemen vorbeikommen, die uns bereits bei der letzten Runde beschäftigt haben.

Dabei braucht es nicht einmal jene geheimnisvolle Matrix, in der unsichtbare Mächte sämtliche Fäden ziehen und die Wirklichkeit nach Belieben programmieren, denn häufig genügt bereits eine Mischung aus Gewohnheit, Bequemlichkeit, Informationsüberfluss und jener zutiefst menschlichen Neigung, sich bevorzugt mit Dingen zu beschäftigen, die das eigene Weltbild bestätigen, während alles andere vorsichtshalber als Irrtum, Missverständnis oder gefährliche Abweichung von der allgemein anerkannten Fahrtrichtung betrachtet wird.

Die moderne Matrix muss uns gar nicht einsperren, solange sie uns ausreichend beschäftigt, und so drehen wir unsere täglichen Runden zwischen Nachrichten, Empörungen, Werbeversprechen, moralischen Belehrungen und jener unerschöpflichen Flut vermeintlich wichtiger Informationen, die uns mit bemerkenswerter Geschwindigkeit erreichen, ohne dass wir deshalb zwangsläufig mehr verstehen würden, was angesichts der technischen Möglichkeiten unserer Zeit eine durchaus beeindruckende Leistung darstellt.

Kaum haben wir eine Nachricht verarbeitet, erscheint bereits die nächste, kaum haben wir uns über irgendeine Ungerechtigkeit empört, wird uns eine neue präsentiert, und kaum glauben wir, endlich eine Richtung erkannt zu haben, taucht schon der nächste Kreisel auf, dessen Beschilderung uns erklärt, warum ausgerechnet jetzt eine völlig neue Orientierung notwendig sei.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst moderner Orientierungslosigkeit, den Menschen so viele Richtungen anzubieten, dass sie irgendwann aufhören, sich zu fragen, wohin sie überhaupt wollen, und stattdessen damit zufrieden sind, überhaupt noch in Bewegung zu sein.

Denn wer ständig damit beschäftigt ist, die nächste Ausfahrt zu finden, hat wenig Zeit, darüber nachzudenken, ob er sich vielleicht längst auf der falschen Straße befindet.

Politische Kreisverkehre

Besonders eindrucksvoll lässt sich dieses Phänomen in der Politik beobachten, wo man seit Generationen mit großer Begeisterung darüber diskutiert, welche Richtung denn nun endlich die richtige sei, während sich die Beteiligten gegenseitig vorwerfen, grundsätzlich falsch abzubiegen, obwohl sich die politischen Landschaften vieler Länder mit ihren linken, rechten, grünen, liberalen, konservativen und allerlei anderen Strömungen gelegentlich wie ein riesiger Kreisverkehr präsentieren, in dem jede Ausfahrt mit einem anderen Versprechen versehen ist und jeder Wegweiser behauptet, nur seine Richtung führe zuverlässig in eine bessere Zukunft.

Die einen wollen nach links, die anderen nach rechts, manche bevorzugen die Mitte, und wieder andere erklären, dass sämtliche bisherigen Richtungen ohnehin falsch gewesen seien und man deshalb dringend einen völlig neuen Kreisverkehr bauen müsse, selbstverständlich mit größeren Schildern, besseren Markierungen und einer eigens eingerichteten Ausfahrt, die allerdings spätestens nach der nächsten Wahl möglicherweise wieder umbenannt werden muss.

Natürlich unterscheiden sich politische Positionen in wichtigen Fragen, natürlich haben Entscheidungen reale Folgen, und selbstverständlich ist es notwendig, über unterschiedliche Wege zu streiten, denn eine Gesellschaft, in der alle dieselbe Richtung einschlagen müssen, wäre vermutlich noch wesentlich unangenehmer als ein überfüllter Kreisverkehr zur italienischen Hauptreisezeit.

Doch manchmal entsteht der Eindruck, dass sich die Debatten schneller drehen als die Lösungen, dass alte Probleme unter neuen Bezeichnungen wieder auftauchen und dass mancher Richtungswechsel vor allem dazu dient, den Fahrgästen das Gefühl zu vermitteln, endlich in eine andere Richtung unterwegs zu sein, während sie möglicherweise nur mit einer neuen Beschilderung an denselben ungelösten Fragen vorbeifahren.

Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich weniger darüber streiten, welche Ausfahrt die richtige ist, und stattdessen darüber nachdenken, wohin die Reise überhaupt führen soll, denn wer ausschließlich auf die Richtung achtet, übersieht womöglich, dass alle Beteiligten noch immer denselben Kreis umrunden.

Und wer besonders laut behauptet, den einzig richtigen Weg zu kennen, sollte vielleicht gelegentlich überprüfen, ob er nicht gerade zum fünften Mal am selben Denkmal vorbeifährt.

Im Kreis der Gleichgesinnten

Auch gesellschaftlich haben wir uns inzwischen hervorragend eingerichtet, denn wir leben in unseren Kreisen, bewegen uns in unseren Kreisen, unterhalten uns bevorzugt mit Menschen aus unseren Kreisen und wundern uns anschließend mit aufrichtiger Empörung darüber, dass Menschen außerhalb dieser Kreise die Welt offenbar völlig anders wahrnehmen, obwohl wir ihnen nur selten die Gelegenheit geben, uns ihre Sicht der Dinge überhaupt zu erklären.

Dabei ist ein Freundeskreis etwas ausgesprochen Schönes, ein geschützter Raum, in dem man sich verstanden fühlt, Gemeinsamkeiten teilt und nicht bei jedem Satz zunächst eine vollständige Gebrauchsanweisung für die eigene Persönlichkeit mitliefern muss, nur kann aus einem Kreis irgendwann ein geschlossener Kreis werden, aus dem geschlossenen Kreis eine Grenze und aus der Grenze schließlich jene unsichtbare Mauer, hinter der alles Fremde zunehmend verdächtig erscheint.

Wer drinnen ist, gehört dazu, wer draußen steht, muss zunächst einmal erklären, warum er überhaupt hineinmöchte, und wer innerhalb des Kreises plötzlich eine andere Richtung einschlägt, stellt möglicherweise fest, dass manche Freundschaften erstaunlich wenig Bewegungsfreiheit vertragen, besonders dann, wenn die neue Richtung nicht mit jener übereinstimmt, auf die man sich zuvor unausgesprochen verständigt hatte.

So entstehen jene kleinen gesellschaftlichen Kreisverkehre, in denen dieselben Meinungen immer wieder an denselben Menschen vorbeifahren, sich gegenseitig bestätigen und schließlich mit einer Sicherheit auftreten, die umso beeindruckender wird, je seltener sie mit einer anderen Perspektive in Berührung kommen.

Vielleicht ist es deshalb manchmal ganz hilfreich, den eigenen Kreis zu verlassen, nicht unbedingt, um den anderen recht zu geben, sondern um überhaupt erst wieder zu erkennen, dass es außerhalb des eigenen Kreisels noch eine ziemlich große Welt gibt, deren Bewohner möglicherweise andere Erfahrungen gemacht haben, andere Fragen stellen und dennoch nicht zwangsläufig in die falsche Richtung unterwegs sind.

Vom Drehwurm zum Durchblick

Irgendwann auf einer längeren Fahrt, wenn die Straßen sich durch fremde Landschaften schlängeln, die Ortsnamen auf den Schildern immer unbekannter werden und man bereits den dritten Kreisverkehr innerhalb weniger Kilometer passiert hat, stellt sich dieses eigenartige Gefühl ein, dass man zwar noch ziemlich genau weiß, wo man losgefahren ist, und ungefähr ahnt, wo man hinmöchte, die Richtung dazwischen aber irgendwie verloren gegangen ist, was besonders bemerkenswert erscheint, wenn man bedenkt, dass wir heute über technische Möglichkeiten verfügen, von denen frühere Generationen nicht einmal zu träumen wagten.

Früher hätte man vielleicht angehalten, eine Karte ausgebreitet, den Stand der Sonne betrachtet oder einen Einheimischen gefragt, der einem anschließend mit großer Begeisterung einen Weg erklärt hätte, dessen wichtigste Orientierungspunkte aus einer längst geschlossenen Tankstelle, einem ehemaligen Restaurant und dem Haus seines Cousins bestanden, während man heute lieber einer kleinen Stimme aus dem Armaturenbrett vertraut, die mit erstaunlicher Selbstsicherheit behauptet, sämtliche Wege zu kennen, obwohl sie gelegentlich nicht einmal bemerkt, dass die Straße, auf die sie uns gerade schicken möchte, seit mehreren Jahren nicht mehr existiert.

Und wenn wir falsch fahren, wird nicht etwa unsere Entscheidung hinterfragt, sondern die Route neu berechnet, was eine bemerkenswerte Form digitaler Vergebung darstellt, bei der man beliebig oft falsch abbiegen kann, ohne jemals erklären zu müssen, weshalb man eigentlich falsch abgebogen ist, solange man nur bereit ist, der nächsten Anweisung wieder vertrauensvoll zu folgen.

Das System findet immer einen neuen Weg.

Nur fragt es niemals, ob wir vielleicht inzwischen ganz woanders hinmöchten.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die technische Orientierung beginnt, unsere persönliche Orientierung zu ersetzen, denn wir wissen immer genauer, wo wir uns befinden, kennen die Entfernung zum nächsten Ziel auf wenige Meter und können uns sogar die voraussichtliche Ankunftszeit ausrechnen lassen, während wir möglicherweise längst vergessen haben, weshalb wir dieses Ziel überhaupt erreichen wollten.

Und während wir einer Route folgen, die uns zuverlässig an den vorgesehenen Ort bringt, fahren wir womöglich an all jenen kleinen Buchten, verschlafenen Dörfern, einsamen Aussichtspunkten und unscheinbaren Wegen vorbei, die uns wesentlich mehr beeindruckt hätten als das ursprünglich eingegebene Ziel.

Die Natur kennt keine Kreisverkehrsordnung

Dabei müsste man nur gelegentlich aussteigen, irgendwo an einer italienischen Küste, wo die Straße in sanften Kurven dem Meer folgt, kleine Orte sich zwischen Hügel und Wasser drängen und hinter der nächsten Biegung plötzlich ein Ausblick auftaucht, für den man eigentlich sofort sämtliche Termine absagen müsste, oder in den Bergen, wo ein schmaler Pfad zwischen Bäumen verschwindet, ohne vorher zu erklären, wie viele Höhenmeter, Schwierigkeitsgrade oder gesellschaftlich akzeptierte Erkenntnisse einen erwarten.

Die Natur kennt ebenfalls Kreise, allerdings scheint sie mit ihnen etwas wesentlich Kreativeres anzufangen als wir Menschen, denn während die Jahreszeiten zuverlässig wiederkehren, gleicht kein Frühling dem vorherigen, während die Wellen unaufhörlich an die Küste rollen, trägt keine exakt dasselbe Wasser an denselben Strand, und während die Sonne scheinbar täglich denselben Bogen beschreibt, verändern sich mit jedem Tag das Licht, die Landschaft und unsere Wahrnehmung.

Die Natur wiederholt sich, ohne sich einfach nur zu kopieren, und vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen einem lebendigen Kreislauf und jenem gedanklichen Kreisverkehr, in dem wir Menschen uns gelegentlich so behaglich eingerichtet haben, dass wir jede neue Runde bereits für eine neue Entwicklung halten.

Im einen entsteht aus Wiederholung Veränderung.

Im anderen wird Veränderung gelegentlich nur behauptet.

Und während wir versuchen, unsere Welt immer genauer zu ordnen, zu vermessen, zu standardisieren und in möglichst übersichtliche Abläufe zu pressen, wächst irgendwo ein Baum vollkommen unbeeindruckt von unseren Bemühungen weiter, entwickelt seine Jahresringe, streckt seine Äste in unterschiedliche Richtungen und beweist ganz nebenbei, dass etwas durchaus kreisförmig aufgebaut sein kann, ohne deshalb ständig im Kreis zu wachsen.

Vielleicht sollten wir uns daran gelegentlich ein Beispiel nehmen.

Denn ein Baum wächst nach oben, nach außen und manchmal sogar schief, ohne dass ihn deshalb jemand auffordert, sich gefälligst an die allgemein anerkannte Wachstumsrichtung zu halten.

Ausfahrt unbekannt

Natürlich kann man nicht jeden Kreisverkehr einfach verlassen, indem man spontan quer über die begrünte Mittelinsel fährt, was zwar ein ausgesprochen eindrucksvolles Zeichen individueller Entschlossenheit wäre, aber vermutlich spätestens beim nächsten Kontakt mit einer italienischen Polizeistreife zu einer längeren Diskussion über die Grenzen persönlicher Freiheit führen würde, weshalb es durchaus sinnvoll sein kann, gelegentlich noch eine Runde zu drehen, um sich zu orientieren, nachzudenken oder herauszufinden, welche Ausfahrt tatsächlich die richtige ist.

Aber irgendwann sollte man eine Entscheidung treffen, nicht weil irgendein Navigationsgerät sie vorgibt, nicht weil alle anderen dieselbe Ausfahrt nehmen und auch nicht weil die Richtung besonders überzeugend ausgeschildert ist, sondern weil man selbst eine Vorstellung davon entwickelt hat, wohin die Reise gehen könnte, selbst wenn sich später herausstellen sollte, dass der eingeschlagene Weg ein Umweg war oder in einer jener Sackgassen endet, die auf digitalen Karten gelegentlich erstaunlich vielversprechend aussehen.

Denn gerade darin liegt doch der Reiz des Reisens, dass man nicht immer weiß, was einen erwartet, dass man sich verirren darf, unterwegs seine Meinung ändern kann und manchmal an einem Ort landet, den man ursprünglich überhaupt nicht besuchen wollte, nur um festzustellen, dass ausgerechnet dieser ungeplante Abstecher zu den schönsten Erinnerungen der gesamten Reise gehört.

Vielleicht gilt das nicht nur für das Reisen, sondern auch für das Leben, in dem wir ebenfalls dazu neigen, uns möglichst früh auf eine Richtung festzulegen, anschließend sämtliche Entscheidungen an dieser ursprünglichen Route auszurichten und jede Abweichung als Fehler zu betrachten, obwohl gerade die unerwarteten Wendungen häufig jene Erfahrungen ermöglichen, die uns wirklich verändern.

Wer immer nur geradeaus fährt, kommt möglicherweise schneller ans Ziel.

Aber wer gelegentlich falsch abbiegt, entdeckt vielleicht überhaupt erst, welche Ziele es noch gibt.

Die letzte Runde

Als ich schließlich wieder einmal in einen Kreisverkehr einfuhr, vorbei an einem dieser liebevoll bepflanzten Mittelstreifen, deren gärtnerische Gestaltung vermutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten hatte als so manche grundlegende gesellschaftliche Frage, musste ich darüber nachdenken, wie viel Zeit wir eigentlich damit verbringen, uns zu orientieren, nach Richtungen zu suchen, Wegweisern zu folgen und Menschen zuzuhören, die uns mit bemerkenswerter Überzeugung erklären, wo es langgeht, obwohl sie möglicherweise selbst längst vergessen haben, weshalb sie ursprünglich in diese Richtung aufgebrochen sind.

Und vielleicht ist das die größte Ironie unserer modernen Welt, dass wir immer genauere Karten besitzen, immer leistungsfähigere Navigationssysteme entwickeln und beinahe jeden Punkt unseres Planeten auf wenige Meter genau bestimmen können, während uns die Frage, wohin wir eigentlich wollen, gelegentlich größere Schwierigkeiten bereitet als unseren Vorfahren, die sich noch nach den Sternen orientierten und dabei zumindest wussten, dass der Himmel größer ist als die eigene Vorstellung von der Welt.

Dabei ist Orientierung nicht dasselbe wie Gehorsam, Bewegung nicht dasselbe wie Fortschritt und eine vorgegebene Richtung noch lange kein Beweis dafür, dass sie auch die richtige sein muss, weshalb es sich vielleicht lohnen könnte, gelegentlich innezuhalten, den Blick von den Schildern zu lösen und sich daran zu erinnern, dass eine Reise nicht aus den Kreisen besteht, die wir durchfahren, sondern aus den Orten, Begegnungen und Erfahrungen, die wir dazwischen entdecken.

Als schließlich die nächste Ausfahrt auftauchte, setzte ich den Blinker, verließ den Kreisel und stellte mit einer Mischung aus Erleichterung und Neugier fest, dass ich keine Ahnung hatte, ob es tatsächlich die richtige Richtung war, was mich allerdings zum ersten Mal seit einigen Kilometern überhaupt nicht störte, denn hinter der nächsten Kurve öffnete sich die Landschaft, die Straße führte hinunter zur Küste und irgendwo zwischen den Hügeln erschien jenes unverschämt blaue Meer, das sich seit Jahrmillionen bewegt, ohne jemals ein Navigationsgerät benötigt zu haben.

Und während ich noch darüber nachdachte, ob ich nun endlich den richtigen Weg gefunden hatte, kam mir ein Gedanke, der angesichts der vielen Kreise, die wir täglich drehen, vielleicht gar nicht so abwegig ist.

Vielleicht ist das größte Problem unserer Zeit nicht, dass wir die Orientierung verloren haben, sondern dass wir uns so sehr an das Kreisen gewöhnt haben, dass wir es längst für eine Richtung halten.

 
 
 

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