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Writer: Malik (Künstlername)
Malik (Künstlername)
Oct 12
10 min read

standard

Von der Freiheit, zwischen vorgegebenen Wegen wählen zu dürfen.

Es gibt diese wunderbaren Momente auf Reisen, in denen man einfach nur irgendwo entlangläuft, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, ohne Zeitplan, ohne Navigationsgerät und vor allem ohne jene freundliche Stimme, die einem mit unerschütterlicher Überzeugung erklärt, dass man in dreihundert Metern bitte rechts abbiegen möge, obwohl man eigentlich geradeaus möchte, und während man sich noch darüber freut, dass die Welt gelegentlich auch ganz ohne digitale Betreuung funktioniert, steht man plötzlich vor einer Treppe.

Einer sehr ordentlichen Treppe.

Mit gleichmäßigen Stufen, sauber eingefassten Rändern, einer kleinen Mauer daneben und vermutlich einer Bauplanung, die irgendwann einmal von mehreren Menschen geprüft, genehmigt, abgestempelt und für ausgesprochen sinnvoll befunden wurde.

Daneben ein Weg.

Ebenfalls ordentlich.

Und noch einer.

Auch schön.

Nur der Weg, den ich eigentlich gehen wollte, hinunter zum Meer, dorthin, wo die Felsen auf das Wasser treffen, wo vielleicht ein schmaler Pfad zwischen Steinen und Gestrüpp hindurchführt und wo man noch selbst herausfinden muss, ob der nächste Schritt eine gute Idee ist, den gab es nicht.

Jedenfalls nicht offiziell.

Und zwischen den gemauerten Wegen war alles so angelegt, dass man möglichst gar nicht erst auf den Gedanken kommen sollte, dass es dazwischen vielleicht noch etwas zu entdecken gäbe.

Ich hatte also die Wahl.

Zwischen Weg eins, Weg zwei und Weg drei.

Alle führten irgendwohin.

Nur nicht dorthin, wo ich hinwollte.

Willkommen in Italien.

Willkommen in Europa.

Willkommen im Standard.

Die Freiheit der Auswahl

Eigentlich ist es ja eine großartige Sache, wenn man zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, schließlich gilt die Wahlfreiheit als eine der großen Errungenschaften unserer Zivilisation, und wer wollte schon ernsthaft in einer Welt leben, in der ihm vorgeschrieben wird, welchen Weg er zu gehen hat, welche Meinung er vertreten muss oder welche Eissorte er bei fünfunddreißig Grad im Schatten gefälligst zu bevorzugen hat.

Nur stellt sich bei genauerer Betrachtung eine ziemlich unbequeme Frage.

Wer hat eigentlich entschieden, welche Wege überhaupt zur Auswahl stehen?

Denn wenn ich zwischen drei Wegen wählen darf, die alle von denselben Planern angelegt, nach denselben Vorschriften gebaut und mit denselben Begrenzungen versehen wurden, dann habe ich zwar durchaus eine Wahl, aber eben nur innerhalb eines Rahmens, den andere bereits für mich festgelegt haben.

Und natürlich kann ich mich darüber freuen, dass der linke Weg etwas breiter ist, der rechte eine bessere Aussicht bietet und der mittlere sogar über ein Geländer verfügt, an dem ich mich festhalten kann, falls mich die Vielfalt meiner Möglichkeiten plötzlich überwältigt.

Aber was ist mit dem vierten Weg?

Dem, den niemand gebaut hat.

Dem, der vielleicht etwas steiler, etwas unbequemer, etwas gefährlicher, aber möglicherweise auch viel schöner wäre.

Dem Weg, den man erst entdeckt, wenn man aufhört, ausschließlich nach Wegen zu suchen.

Vielleicht beginnt Freiheit nämlich nicht dort, wo man zwischen möglichst vielen Möglichkeiten auswählen darf.

Sondern dort, wo man überhaupt erst auf die Idee kommen kann, dass es noch andere Möglichkeiten gibt.

Genormte Freiheit

Nun soll hier keineswegs der Eindruck entstehen, dass Standards grundsätzlich eine schlechte Erfindung seien, denn wer schon einmal versucht hat, ein nicht passendes Gewinde in eine Schraubenmutter zu drehen, weiß die Segnungen der Normung durchaus zu schätzen, und auch eine Treppe, deren Stufen nicht bei jedem Schritt eine neue Überraschung bereithalten, besitzt zweifellos gewisse Vorzüge.

Standards können das Leben erleichtern.

Sie können Sicherheit schaffen, Verständigung ermöglichen, Qualität sichern und verhindern, dass jeder Mensch das Rad täglich neu erfinden muss, was angesichts der ohnehin schon bemerkenswerten Anzahl menschlicher Fehlkonstruktionen vermutlich eine ausgesprochen gute Idee ist.

Nur haben Standards eine merkwürdige Eigenschaft.

Sie neigen dazu, sich auszubreiten.

Was zunächst als praktische Vereinbarung beginnt, entwickelt sich irgendwann zur verbindlichen Vorschrift, aus der Vorschrift wird eine Norm, aus der Norm eine Erwartung und aus der Erwartung schließlich jene unsichtbare Grenze, hinter der alles, was nicht hineinpasst, plötzlich als Abweichung gilt.

Und Abweichungen sind bekanntlich problematisch.

Zumindest für diejenigen, die mit ihrer Verwaltung beschäftigt sind.

So entsteht nach und nach eine Welt, in der zwar alles immer besser geregelt ist, aber längst nicht mehr alles möglich scheint, in der für beinahe jede Lebenslage ein Verfahren existiert und für jede Entscheidung eine Zuständigkeit, während die Frage, ob die Entscheidung überhaupt sinnvoll ist, gelegentlich irgendwo zwischen zwei Formularen verloren geht.

Wir haben den Standard geschaffen, damit er uns dient.

Und manchmal sieht es so aus, als wären wir inzwischen damit beschäftigt, ihm zu dienen.

Eine bemerkenswerte Karriere für etwas, das ursprünglich nur verhindern sollte, dass zwei Schrauben nicht zusammenpassen.

Wenn der Standard zur sozialen Kälte wird

Vielleicht liegt eine der unangenehmsten Nebenwirkungen der Begeisterung vieler für Standards aber gar nicht in den Vorschriften selbst, sondern darin, was sie aus unserem Umgang miteinander machen können, denn sobald wir uns daran gewöhnt haben, dass für alles und jeden ein bestimmter Standard existiert, erwarten wir irgendwann auch von unseren Mitmenschen, dass sie sich gefälligst entsprechend verhalten, denken, leben und möglichst auch noch das Richtige fühlen, und wer dabei aus der Reihe tanzt, wird nicht mehr als interessante Abweichung von der menschlichen Vielfalt betrachtet, sondern zunehmend als Störung eines vermeintlich funktionierenden Systems. Aus Erwartungen werden Ansprüche, aus Ansprüchen Enttäuschungen, aus Enttäuschungen Ablehnung, und wo früher vielleicht noch Neugier auf das Andersartige entstand, wachsen heute nicht selten Missgunst, Neid und schließlich sogar Hass, weil der andere sich erdreistet, nicht dem eigenen Standard zu entsprechen. So kann ausgerechnet das, was unser Zusammenleben vereinfachen sollte, eine bemerkenswerte soziale Kälte erzeugen, in der wir zwar immer genauer wissen, wie sich Menschen verhalten sollten, aber immer weniger bereit sind, sie einfach so zu akzeptieren, wie sie sind. Das haben wir bei Corona gemerkt und jetzt auch schon wieder bei der Kriegstreiberei und Russen- oder andere Phobien. Und während viele noch darüber diskutieren, welcher gesellschaftliche Standard nun der richtige ist, könnte uns eine ziemlich einfache Erkenntnis entgehen: Eine Schraube, die nicht in die genormte Mutter passt, ist möglicherweise falsch produziert. Ein Mensch, der nicht in vielerlei Menschens Vorstellungen passt, ist deshalb noch lange nicht falsch, sondern Natur und echte Vielfalt.


Links, rechts und immer schön geradeaus

Besonders interessant wird diese Betrachtung, wenn man die gemauerten Wege einmal verlässt, zumindest gedanklich, und sich jene Landschaft anschaut, die wir gemeinhin Politik nennen, obwohl sie mit einer natürlichen Landschaft ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein gepflegter Kreisverkehr mit einem wilden Gebirgsbach.

Auch dort gibt es Wege.

Linke Wege.

Rechte Wege.

Grüne Wege.

Liberale, konservative, sozialdemokratische und allerlei andere Wege, deren Bezeichnungen sich von Land zu Land zwar etwas unterscheiden, deren grundlegende Richtungen einem aber erstaunlich vertraut vorkommen können.

Und selbstverständlich unterscheiden sich diese politischen Strömungen in wichtigen Fragen, verfolgen unterschiedliche Ziele und streiten mitunter leidenschaftlich darüber, welcher Weg nun der richtige sei, was in einer Demokratie nicht nur erlaubt, sondern ausgesprochen notwendig ist.

Nur bleibt auch hier die Frage, ob die vorhandenen Wege bereits die gesamte Landschaft abbilden.

Denn wer sich keiner dieser Richtungen vollständig zugehörig fühlt, wer in einer Frage links, in einer anderen rechts, beim Umweltschutz grün und beim persönlichen Lebensentwurf am liebsten überhaupt nicht eingeordnet werden möchte, stellt schnell fest, dass sich das menschliche Denken nur bedingt für eine saubere Beschilderung eignet.

Man kann schließlich die Natur lieben, ohne jeden politischen Vorschlag zu ihrem Schutz gut finden zu müssen, man kann Traditionen schätzen, ohne Veränderungen grundsätzlich abzulehnen, und man kann für soziale Gerechtigkeit eintreten, ohne deshalb sämtliche wirtschaftlichen Zusammenhänge für ein bedauerliches Missverständnis der Geschichte zu halten.

Doch die Versuchung ist groß, aus komplexen Menschen möglichst übersichtliche Kategorien zu machen.

Schließlich lassen sich Kategorien hervorragend zählen, vergleichen, verwalten und in hübschen Farben auf Wahlplakate drucken.

Der Mensch dagegen ist unpraktisch.

Er denkt manchmal anders als gestern.

Er widerspricht sich.

Er lernt dazu.

Und gelegentlich hat er sogar eine eigene Meinung, die sich partout nicht in eine der bereitgestellten Schubladen pressen lässt.

Für die politische Landschaft ist das mitunter genauso störend wie ein Spaziergänger, der zwischen zwei sorgfältig angelegten Wegen plötzlich einen dritten entdecken möchte.

Oder einen vierten.

Oder gar keinen.

Europa nach Maß

Und dann gibt es Europa.

Jenes faszinierende Gebilde aus Ländern, Sprachen, Landschaften, Geschichten, Mentalitäten, kulinarischen Eigenheiten und sehr unterschiedlichen Vorstellungen davon, wann eine Verabredung um zehn Uhr tatsächlich beginnt, das sich seit Jahrzehnten darum bemüht, aus seiner Vielfalt eine möglichst gut funktionierende Gemeinsamkeit zu entwickeln.

Eine durchaus bewundernswerte Aufgabe.

Denn gemeinsame Standards können vieles vereinfachen, vom Handel über technische Anforderungen bis hin zu Verbraucherrechten und Sicherheitsfragen, und niemand möchte ernsthaft bei jeder Landesgrenze herausfinden müssen, ob die Bremsen seines Autos dort noch den örtlichen Vorstellungen von Verkehrssicherheit entsprechen.

Aber die Schwierigkeit beginnt dort, wo aus dem Wunsch nach Gemeinsamkeit die Erwartung entsteht, dass überall dieselbe Lösung passen müsse.

Denn was in einer italienischen Küstenstadt sinnvoll erscheint, muss in einem abgelegenen Bergdorf nicht zwangsläufig dieselbe Wirkung entfalten, und was in einer dicht besiedelten Metropole hervorragend funktioniert, kann in einer Region, in der sich mehr Ziegen als Einwohner aufhalten, zu einer eher theoretischen Verbesserung der Lebensqualität führen.

Die Landschaften Europas sind unterschiedlich.

Seine Menschen ebenfalls.

Und vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, diese Unterschiede möglichst vollständig zu beseitigen, sondern gemeinsame Regeln zu finden, die ihnen ausreichend Raum lassen.

Schließlich käme auch niemand auf die Idee, die Alpen auf eine einheitliche Höhe abzutragen, nur damit sich ihre Gipfel leichter miteinander vergleichen lassen.

Wobei man angesichts mancher bürokratischen Ambition vorsichtshalber nicht allzu laut darüber sprechen sollte.

Am Ende wird noch eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

Mit anschließender Umweltverträglichkeitsprüfung.

Und einer europaweit einheitlichen Gipfelhöhe.

Natürlich ausschließlich zu unserem Besten.

Die Welt passt nicht in eine Schablone

Was mich an dieser ganzen Standardisierung besonders beschäftigt, ist weniger die Existenz von Regeln als vielmehr die Vorstellung, dass sich eine Welt voller Unterschiede dauerhaft mit einer überschaubaren Anzahl vorgefertigter Lösungen erfassen ließe.

Denn die Natur, aus der wir schließlich selbst hervorgegangen sind, hat sich bei ihrer Entwicklung offensichtlich nicht besonders intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich alles möglichst einfach vereinheitlichen lässt.

Kein Baum wächst exakt wie sein Nachbar.

Kein Felsen gleicht dem anderen.

Keine Welle erreicht den Strand auf dieselbe Weise wie die vorherige.

Und selbst ein Fluss, der seit Jahrtausenden denselben Weg zum Meer nimmt, verändert ständig seinen Lauf, sucht sich neue Möglichkeiten, umgeht Hindernisse und findet manchmal gerade dort einen Durchbruch, wo niemand zuvor einen vorgesehen hatte.

Man stelle sich nur einmal vor, man würde einem Fluss erklären, dass er aus Gründen der Übersichtlichkeit künftig ausschließlich geradeaus fließen dürfe.

Vermutlich würde er zunächst schweigen.

Dann käme das nächste Hochwasser.

Und die Angelegenheit wäre geklärt.

Wir Menschen dagegen haben eine erstaunliche Begabung entwickelt, uns selbst in immer kompliziertere Systeme einzusortieren und anschließend mit großer Ernsthaftigkeit darüber zu diskutieren, warum wir uns darin gelegentlich so eingeengt fühlen.

Vielleicht, weil wir vergessen haben, dass eine Ordnung, die uns Orientierung geben soll, nicht zwangsläufig auch unser gesamtes Leben bestimmen muss.

Eine Landkarte ist schließlich ausgesprochen hilfreich.

Aber niemand käme auf die Idee, die tatsächliche Landschaft abzuschaffen, nur weil sie nicht vollständig auf die Karte passt.

Oder doch?

Der Schwierigkeitsgrad des Lebens

Zurück an der italienischen Küste.

Dort gab es also diese Wege, die Treppen, die Mauern und die sorgsam angelegten Möglichkeiten, sich innerhalb eines vorgegebenen Rahmens fortzubewegen, und natürlich hatten sich die Menschen, die all das gebaut hatten, vermutlich etwas dabei gedacht.

Vielleicht sollte der Hang geschützt werden.

Vielleicht waren manche Stellen zu gefährlich.

Vielleicht wollte man Besuchern einen bequemen Zugang ermöglichen, ohne dass sich jeder Zweite auf dem Weg zum Meer den Knöchel verstaucht.

Alles gute Gründe.

Und trotzdem blieb dieses merkwürdige Gefühl, dass mit jeder zusätzlichen Sicherung auch ein kleines Stück jener Unmittelbarkeit verloren geht, die das Reisen eigentlich so reizvoll macht.

Denn es ist ein Unterschied, ob man eine Landschaft erlebt oder ob man durch eine Landschaft geführt wird.

Ob man einen Weg entdeckt oder einem Weg folgt.

Ob man sich für einen Schritt entscheidet oder lediglich die nächste vorgesehene Stufe betritt.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass man jede Absperrung ignorieren und sich mit einem beherzten Sprung über die nächste Klippe seine persönliche Freiheit zurückerobern sollte, denn die Schwerkraft ist eine jener wenigen Regeln, die sich auch durch noch so überzeugende politische Argumente nicht außer Kraft setzen lassen.

Aber zwischen blindem Gehorsam und kopfloser Selbstgefährdung müsste doch eigentlich noch etwas Platz sein.

Für Neugier.

Für Eigenverantwortung.

Für das Abwägen von Möglichkeiten.

Für einen Umweg, der vielleicht zu nichts führt, außer zu einem überraschend schönen Ausblick.

Und für jene wunderbare Erkenntnis, dass ein Weg nicht unbedingt falsch sein muss, nur weil ihn zuvor noch niemand befestigt hat.

Vom Standard zum Standpunkt

Überhaupt steckt in diesem unscheinbaren Wort Standard mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde, denn wir sprechen von einem Lebensstandard, den wir möglichst erhöhen möchten, von Mindeststandards, die niemand unterschreiten soll, von Standardlösungen, die angeblich für alle passen, und von Standardantworten, die man besonders gern dann erhält, wenn man eine Frage gestellt hat, auf die es eigentlich keine einfache Antwort gibt.

Wir haben einen festen Standpunkt, von dem aus wir die Welt betrachten, bestehen auf unserem Standrecht, wenn uns etwas nicht passt, erwarten von anderen einen gewissen Anstand und stellen irgendwann fest, dass ausgerechnet der Stillstand eine der zuverlässigsten Folgen sein kann, wenn wir uns allzu sehr an das gewöhnen, was längst zum Standard geworden ist.

Dabei ist ein Standpunkt zunächst nichts Schlechtes.

Man sollte nur gelegentlich den Mut haben, ihn zu verlassen.

Denn wer immer am selben Punkt steht, kann zwar mit großer Überzeugung behaupten, die Welt aus seiner Perspektive richtig zu sehen, wird aber niemals erfahren, wie sie von der anderen Seite aussieht.

Und wer sein Leben ausschließlich auf standardisierten Wegen verbringt, erreicht möglicherweise jedes vorgesehene Ziel, ohne jemals herauszufinden, welche Orte dazwischen liegen.

Vielleicht ist das die größte Ironie unserer modernen Welt.

Wir haben immer bessere Navigationssysteme.

Immer genauere Karten.

Immer mehr Empfehlungen, Bewertungen, Warnungen und Hinweise.

Und gleichzeitig scheint es uns zunehmend schwerzufallen, einfach einmal selbst zu entscheiden, wohin wir eigentlich wollen.

Der Weg, der keiner war

Ich stand also weiterhin dort, irgendwo an der italienischen Küste, blickte auf das Meer, auf die ordentlich angelegten Wege und auf jene Stellen dazwischen, die sich jeder Standardisierung bislang erfolgreich entzogen hatten, und musste darüber schmunzeln, wie schnell aus einem völlig belanglosen Spaziergang eine ziemlich grundsätzliche Frage werden kann.

Vielleicht war der Weg, den ich gehen wollte, tatsächlich ungeeignet.

Vielleicht hätte ich unten zwischen den Felsen festgestellt, dass es dort überhaupt nicht weiterging.

Vielleicht wäre ich umgekehrt, hätte einen anderen Zugang gesucht oder mich einfach auf einen Stein gesetzt und aufs Wasser geschaut.

Aber wäre das wirklich so schlimm gewesen?

Muss denn jeder Weg irgendwohin führen?

Muss jede Entscheidung bereits im Voraus das gewünschte Ergebnis versprechen?

Und muss jede Erfahrung möglichst sicher, effizient, vergleichbar und reproduzierbar sein, bevor wir bereit sind, sie überhaupt zu machen?

Das Meer jedenfalls schien von diesen Überlegungen vollkommen unbeeindruckt.

Es bewegte sich weiter, mal sanft, mal unruhig, mal gegen die Felsen, mal um sie herum, ohne sich besonders darum zu kümmern, welche Richtung für diesen Küstenabschnitt ursprünglich vorgesehen gewesen war.

Und während ich noch über die Freiheit nachdachte, zwischen verschiedenen Wegen wählen zu dürfen, fiel mir auf, dass ich längst wieder dabei war, genau das zu tun, was ich eigentlich hinterfragen wollte.

Ich suchte einen Weg.

Einen richtigen.

Einen, der mich möglichst zuverlässig dorthin bringen würde, wo ich glaubte, hinzuwollen.

Vielleicht hatte ich den Standard längst so sehr verinnerlicht, dass ich selbst dort nach einer vorgegebenen Richtung suchte, wo es eigentlich nur darum ging, die Welt zu entdecken.

Und vielleicht war das die eigentliche Begrenzung.

Nicht die Mauer.

Nicht die Treppe.

Nicht das Geländer.

Sondern die Vorstellung, dass Freiheit immer einen Weg benötigt.

Ich blieb

stehen.

Sah hinaus aufs Meer.

Und musste plötzlich lachen.

Denn während wir Menschen mit bemerkenswertem Aufwand versuchen, für alles einen Standard zu schaffen, hatte die Natur längst eine Antwort gefunden, die weder einer Genehmigung noch einer Norm bedurfte.

Die Wellen kamen.

Die Wellen gingen.

Keine nahm denselben Weg.

Und trotzdem fanden sie alle ans Ufer.

Vielleicht ist Freiheit eben nicht die Wahl zwischen den Wegen.

Sondern die Erkenntnis, dass die Welt auch da weitergeht, wo der Weg aufhört.

 
 
 

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