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Die Welt dreht durch. Wir fahren weiter.

Writer: Malik (Künstlername)
Malik (Künstlername)
Sep 27
6 min read

Updated: Sep 28

Es gab einmal eine Zeit, da waren die Unsicherheiten einer Reise noch angenehm überschaubar. Ob der nächste Stellplatz wirklich so schön sein würde wie auf den Fotos. Ob das Wetter sich an die Vorhersage hielt. Ob wir am Abend dort ankamen, wo wir morgens noch glaubten, ankommen zu wollen.

Und dann gab es natürlich Finn.

Finn hatte seine ganz eigene Vorstellung davon, wann ein Reisetag zu Ende war. Meistens deckte sie sich nicht mit meiner. Besonders dann nicht, wenn ich gedanklich längst beim Weiterfahren war und er gerade beschlossen hatte, dass genau jetzt der richtige Moment für eine ausgedehnte Erkundungsrunde gekommen war.


Heute erscheint mir die Frage, wo ich morgen stehen werde, beinahe beruhigend überschaubar gegenüber der Frage, in welcher Welt ich morgen eigentlich aufwache.

Dabei wäre mein Plan gar nicht besonders kompliziert: ein bisschen hier und ein bisschen da, gerade nun ein bisschen Albanien, möglichst viel Meer, irgendwann vielleicht wieder ein bisschen Norden, dazwischen unbekannte Straßen und Orte, deren Namen ich heute noch nicht kenne, und vor allem dieses wunderbare Gefühl, dass ein Tag nicht schon am Abend zuvor bis ins letzte Detail beschlossen sein muss.

Nur scheint die Welt derzeit wenig Interesse an entspannter Reiseplanung zu haben und schreibt mit bemerkenswerter Ausdauer und zunehmender Härte an ihrem eigenen Drehbuch, wobei sie sich offensichtlich für eine Mischung aus Drama, Tragödie und politischem Improvisationstheater entschieden hat.

Wenn die Welt lauter wird

Oder wenn der Krieg längst durch die Hintertür gekommen ist.

Manchmal reicht morgens ein einziger Blick in die Nachrichten, wobei man sich inzwischen auch dort ständig fragen muss, wo Information endet und Propaganda beginnt. Und schon entsteht dieses merkwürdige Gefühl, dass wir gar nicht mehr auf irgendeine große Eskalation warten, sondern längst mittendrin stehen, nur eben nicht überall mit Panzern vor der Haustür und Sirenen über den Dächern.

Und vielleicht fühlt es sich gerade deshalb so unwirklich an: weil draußen längst etwas ins Rutschen geraten ist, während drinnen noch alles aussieht wie immer.

Kriege werden geführt, Grenzen neu vermessen, Drohungen ausgesprochen und Feindbilder gepflegt, und es scheint sich Wahnsinn an Wahnsinn zu reihen, immer tiefer in unseren Alltag zu fressen: ein Naziwahn, in dem das Wort „Nazi“ immer schneller zur Keule gegen jene wird, deren Meinung nicht in das gerade gewünschte Weltbild passt; ein Genderwahn, in dem Sprache plötzlich nicht mehr nur Verständigung, sondern Bekenntnis sein soll und jeder gefälligst mitzulernen hat, welche der immer zahlreicher werdenden Identitäten (72 Geschlechter bisher) heute noch benannt, bedacht und sprachlich berücksichtigt werden müssen; und ein Klimawahn, in dem CO₂ wie ein Giftwort durch die öffentliche Debatte geistert, obwohl Kohlendioxid zugleich ein natürlicher Bestandteil unserer Atmosphäre und für die Photosynthese und damit das Leben auf diesem Planeten unverzichtbar ist. Und es früher sogar viel mehr Pflanzenwachstum aufgrund von mehr CO2 gab.

Und kaum hat man sich an einen dieser Kämpfe gewöhnt, wird schon das nächste Spaltprogramm geöffnet, mit neuen Fronten, neuen Feindbildern und einer Sprache, die nicht mehr nur beschreibt, sondern zunehmend bewertet, sortiert und verdreht. Wer widerspricht, bekommt ein Etikett, wer Fragen stellt, landet im falschen Lager, und wer bei all dem nicht schnell genug die gerade gültigen Begriffe gelernt hat, steht plötzlich selbst zur Debatte.

Manchmal fühlt es sich an, als hätte Orwell nicht über eine ferne Zukunft geschrieben, sondern uns lediglich ein paar Kapitel vorausgelesen: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Unterwerfung, Vielfalt verlangt Gleichklang – und ausgerechnet die Spaltung soll am Ende dem Zusammenhalt dienen. Vielleicht ist genau das der eigentliche Wahnsinn unserer Zeit: dass nicht nur um die Wirklichkeit gestritten wird, sondern zunehmend auch darum, welche Wörter wir überhaupt noch benutzen dürfen, um sie zu beschreiben, bis jeder sein eigenes Wörterbuch besitzt und sich anschließend alle wundern, warum keiner den anderen mehr versteht.

Vielleicht ist das Verstörende also gar nicht die Frage, ob der Krieg näher kommt, sondern die Erkenntnis, dass er längst näher ist, als wir ihn haben wollten – und dass man trotzdem morgens Kaffee kocht, mit dem Hund vor die Tür geht und darüber nachdenkt, wo man morgen seinen Camper abstellt.

Und irgendwo dazwischen sitze ich mit Finn im Camper und versuche herauszufinden, was das alles für die nächsten Wochen oder Monate bedeuten könnte.

Manchmal denke ich, es wäre ausgesprochen praktisch, wenn es dafür eine App gäbe, die nicht nur Staus, Baustellen und gesperrte Straßen anzeigt, sondern gleich noch politische Krisen, mögliche Grenzschließungen, gesellschaftliche Unruhen und die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit bis zum kommenden Dienstag einigermaßen vernünftig bleibt.

Vermutlich würde sie bereits beim ersten Start abstürzen.

Finn hat keine Meinung zur Weltlage

Finn ist in dieser Hinsicht ein bemerkenswert angenehmer Reisebegleiter, denn während ich Nachrichten lese, politische Entwicklungen verfolge und gedanklich versuche, aus einer ziemlich unübersichtlichen Welt irgendeine halbwegs brauchbare Reiseroute zu basteln, beschäftigt ihn eine wesentlich konkretere und vermutlich gesündere Frage:

Wann gehen wir spazieren ?

Wohin wir gehen, interessiert ihn deutlich weniger, denn sobald sich hinter der Campertür etwas befindet, das entfernt nach Wiese, Feldweg oder einem vielversprechenden Busch aussieht, ist die Sache für ihn im Grunde entschieden. Wenn irgendwann und irgendwo eine Gefahr lauert, wird dann in diesem Moment das Problem angegangen.

Vielleicht beneide ich ihn genau darum, nicht um seine Ahnungslosigkeit, sondern um diese beneidenswerte Fähigkeit, vollständig in einem Augenblick zu leben, ohne ihn sofort mit all den Dingen zu beladen, die morgen, nächste Woche oder irgendwann vielleicht passieren könnten.

Finn weiß nicht, was morgen kommt, und macht daraus kein Problem. Ich weiß es genauso wenig, nur veranstaltet mein Kopf daraus gelegentlich ein nächtliches Theaterstück, in dem sämtliche Möglichkeiten auftreten dürfen, bevorzugt jene, die niemand eingeladen hat.

Zwischen Weltlage und Wiese

Natürlich möchte ich die Welt nicht ausblenden und so tun, als gingen mich ihre Probleme nichts an, denn schließlich kann ich nur deshalb so leben und reisen, weil es offene Grenzen, friedliche Orte, funktionierende Gesellschaften und politische Rahmenbedingungen gibt, die diese Freiheit überhaupt möglich machen.

Freiheit ist eben nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern braucht auch eine Welt, in der man sie leben kann.

Trotzdem möchte ich nicht zulassen, dass jede neue Schlagzeile darüber entscheidet, wie viel Freude ich an einem stillen Morgen, einer leeren Straße oder einem schönen Platz am Meer haben darf, denn vielleicht besteht die eigentliche Kunst gerade darin, beides nebeneinander stehen zu lassen: die Aufmerksamkeit für das, was draußen geschieht, und die Fähigkeit, trotzdem noch wahrzunehmen, was unmittelbar vor einem liegt.

Eine Landschaft, die sich hinter einer Kurve plötzlich öffnet, ein Ort, an dem wir eigentlich nur eine Nacht bleiben wollten und drei daraus werden, ein angenehmes Gespräch mit einem Menschen, dessen Sprache ich kaum verstehe, und Finn, der sich mit einer Begeisterung in irgendeiner Wiese verliert, als hätte er gerade persönlich den schönsten Platz der Welt entdeckt.

Vielleicht hat er das sogar.

Vielleicht sind Paradiese ohnehin kleiner, als wir denken, und haben erstaunlich oft Grasflecken.

Und was wird nun aus Albanien?

Albanien bleibt jedenfalls Teil dieser Reise, auch wenn ich inzwischen vorsichtiger damit geworden bin, aus einer Himmelsrichtung gleich einen fertigen Lebensplan zu machen, denn vielleicht bleibe ich länger, vielleicht klappt es mit einem "Zuhause" auf Zeit, vielleicht zieht es mich früher weiter und vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass die nächste Etappe überhaupt nicht dort beginnt, wo ich sie heute vermute.

Die Welt ist schon unübersichtlich genug, da muss ich nicht zusätzlich so tun, als hätte ich mein eigenes Leben bis zum nächsten Frühjahr ordentlich durchnummeriert und in einem Kalender abgeheftet.

Ich möchte aufmerksam bleiben, ohne mich von jeder neuen Entwicklung verrückt machen zu lassen, und mir gleichzeitig die Freiheit erhalten, Pläne zu ändern, wenn sich die Welt, das Wetter oder schlicht mein Gefühl verändern.

Vielleicht bedeutet Unterwegssein gerade in solchen Zeiten deshalb nicht, vor der Unsicherheit davonzufahren, sondern zu lernen, sich mitten in ihr weiterzubewegen, auch wenn nicht hinter jeder Kurve eine Antwort wartet und nicht jeder Weg schon auf der Karte eingezeichnet ist.

Und während ich noch darüber nachdenke, ob das nun tatsächlich eine neue Lebensphilosophie ist oder lediglich eine ausgesprochen poetische Begründung dafür, dass ich wieder einmal keine Ahnung habe, wo wir nächste Woche stehen werden, kommt Finn zu mir, schaut mich an und stellt sich erwartungsvoll vor die Tür.

Die Weltlage hat sich in der Zwischenzeit vermutlich nicht verbessert, seine Blase allerdings ebenfalls nicht.

Also kümmern wir uns erst einmal um das, was wir tatsächlich beeinflussen können.

Denn vielleicht besteht die größte Herausforderung unserer Zeit gar nicht darin, immer den richtigen Weg zu kennen, sondern darin, sich von all der Unsicherheit nicht davon abhalten zu lassen, überhaupt noch loszugehen.


...


Zum Thema die Welt dreht durch und einer Beeinflussung möchte ich noch auf folgende Internetseite hinweisen:




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