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Zu heiß

Writer: Malik (Künstlername)
Malik (Künstlername)
6 days ago
6 min read

Zu heiß.

Es gibt Tage, da erscheint mir mein Camper wie die Lösung für nahezu alle Probleme dieser Welt: das Zuhause immer dabei, bleiben, solange es sich gut anfühlt, und weiterfahren, wenn irgendetwas drängt.

Nun bin ich im Süden und erfahre gerade ziemlich eindrucksvoll, was „Sommer im Camper“ tatsächlich bedeutet – besonders mit Finni, dem Nordhund, dessen Vorstellung von Wohlfühltemperatur offensichtlich einige Grad unter meiner liegt.

Es ist verdammt heiß.

Wenn kein Wind geht, steht die Luft, der Camper wird zum rollenden Backofen und selbst Tätigkeiten, die eigentlich keine sind, führen zu erstaunlicher Schweißproduktion. Man sitzt herum, arbeitet nicht, bewegt sich kaum und hat trotzdem das Gefühl, einen körperlich anspruchsvollen Tag hinter sich zu haben.

Sonne kann eben Energie geben.

Und sie kann sie sich offenbar auch wieder zurückholen.

Aber gut: Sommer halt.

Und für dieses Problem scheint die Lösung zunächst verblüffend einfach zu sein.

Wenn es im Süden zu heiß wird, fahre ich nach Norden, und wenn dort irgendwann der Winter an die Tür klopft, drehe ich wieder um und fahre Richtung Süden.

Mit den Jahreszeiten ziehen, statt ständig gegen sie anzukämpfen.

Warum eigentlich nicht?


Vielleicht liegt die Lösung aber auch gar nicht nur in der Himmelsrichtung, sondern ein paar Meter näher – direkt vor meiner Nase.

Im Camper selbst. Obwohl ich ihn bereits optimiert habe, findet man immer wieder etwas. Denn natürlich beginnt der Kopf in der "neuen Sommersituation" längst wieder zu optimieren: bessere Isolierung, Optimierung Solar, noch unabhängiger mit Strom und Wasser, Standklimaanlage, eine vernünftige Kühlung für diese Tage, an denen selbst Finn mich vorwurfsvoll anschaut, als hätte ich persönlich den Süden erfunden. Vielleicht noch ein bisschen mehr Autarkie, noch mehr durchdacht, dass aus dem Camper noch mehr ein kleines Zuhause wird.

Wobei „optimieren“ beim Camper eine endlose Sache ist. Kaum hat man ein Problem gelöst, entdeckt man zuverlässig zwei neue Möglichkeiten, von denen man vorher überhaupt nicht wusste, dass man sie dringend braucht.

Am Ende fahre ich vielleicht mit einem technisch nahezu perfekten Zuhause durch Europa und stelle fest, dass das Einzige, was mir wirklich gefehlt hat, ein Baum mit Schatten war.

Aber der Gedanke gefällt mir trotzdem: nicht größer werden, sondern klüger mit dem wenigen Raum umgehen. Ein Zuhause, das seine Energie möglichst selbst erzeugt, mit seinen Vorräten haushaltet und mir erlaubt, länger dort zu bleiben, wo es gerade gut ist – und weiterzuziehen, wenn es das nicht mehr ist.

Vielleicht wäre das die eigentliche Optimierung.

Nicht immer mehr in den Camper hineinzubauen.

Sondern immer weniger außerhalb von ihm zu brauchen.


Aber nochmal zu "mit den Jahreszeiten ziehen".

Finn wäre vermutlich sofort dabei, dem Camper ist die Himmelsrichtung ohnehin egal und ich entdecke immer weniger Gründe dafür, warum ausgerechnet ein einziger Ort zwölf Monate im Jahr der richtige sein sollte.

Im Sommer lange Tage im Norden, im Winter mildere Temperaturen im Süden und dazwischen immer wieder dieses schöne Gefühl, unterwegs zu sein.

Klingt fast zu einfach.

Und meistens werde ich misstrauisch, wenn etwas zu einfach klingt.

Denn werde ich immer fahren können?

Was passiert, wenn Mobilität irgendwann so teuer wird, dass aus Freiheit eine Rechenaufgabe an der Tankstelle wird? Und was, wenn ich eines Morgens aufwache und überhaupt keine Lust mehr habe, den nächsten Stellplatz zu suchen, sondern plötzlich einen Garten möchte, einen Briefkasten und vielleicht sogar die Gewissheit, dass die Kaffeetasse morgen noch genau dort steht, wo ich sie heute abgestellt habe?

Und dann ist da noch etwas anderes.

Wenn nicht nur das Wetter zu heiß wird

Vielleicht beschäftigt mich das sogar mehr als die Temperatur.

Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr organisiert, digitalisiert, registriert und geregelt wird. Merkbar auch an den Grenzübergängen und den Anforderungen fürs Reisen. Vieles davon hat vielleicht scheinbar gute Gründe, manches macht das Leben tatsächlich einfacher – und trotzdem frage ich mich gelegentlich, wo Bequemlichkeit endet und Abhängigkeit beginnt. Wenn man zum Beispiel nur noch eine Autobahn benutzen kann, wenn man digitalisiert ist. Und viele weitere "neue" Gegebenheiten.

Gesamt.

Die politische Großwetterlage?

Schwierig.

Und dafür hat selbst mein Camper noch keine Himmelsrichtung.

Beim Wetter funktioniert mein Konzept hervorragend: zu heiß, Norden; zu kalt, Süden.

Aber wohin fährt man, wenn einem nicht das Klima zu heiß wird, sondern die Nachrichten?

und man schon morgen am falschen Ort sein kann.

Irgendwo ist schließlich immer etwas: Kriege, Krisen, Preise, Energie, Klimawahn und politische Lager, die sich gegenseitig mit erstaunlicher Ausdauer erklären, warum jeweils die anderen das eigentliche Problem sind.

Und mittendrin sitze ich im Camper und hätte gelegentlich einfach nur gerne einen schönen Platz, an dem ich morgen früh in Ruhe meinen Kaffee trinken kann.

Die Vorstellung, Menschen könnten irgendwann über digitale Systeme stärker in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, beschäftigt mich dabei durchaus. Zum Beispiel die viel diskutierte „15-Minuten-Stadt“, sie ist nur auf den ersten Blick ein Stadtplanungskonzept für kurze Wege und keine digitale Grenze, die Menschen in ihrem Viertel einsperrt. Trotzdem finde ich die grundsätzliche Frage dahinter interessant: Wie viel unserer Freiheit möchten wir von Systemen abhängig machen, die wir selbst kaum noch verstehen? Oder überhaupt wollen. Wer bestimmt das? und wann ist es "verpflichtend"?

Ein scheinbar nützliches und freiwilliges System lässt sich auch schnell ändern. Andere Länder, wie China zeigen schließlich, dass Bewegungsfreiheit keineswegs selbstverständlich ist und sich durch solche Systeme auch die Reisefreiheit satrk einschränken lässt. Und auch bei uns gibt es Diskussionen darüber, wie abhängig gesellschaftliche Teilhabe inzwischen von Banken, digitalen Diensten und anderen privaten oder staatlichen Infrastrukturen geworden ist.

Vielleicht muss ich darüber gar kein abschließendes politisches Urteil haben.

Vielleicht reicht zunächst die Frage.

Denn wenn ich die Nachrichten für einen Moment leiser drehe, bleibt ohnehin etwas viel Persönlicheres übrig:

Was brauche ich eigentlich für ein gutes Leben?

Sicherheit wäre schön, Freiheit ebenfalls. Menschen, die mir wichtig sind, Gesundheit, Zeit und ein Platz, an dem ich morgens gerne die Tür öffne.

Finn neben mir.

Kaffee.

Vielleicht Schatten.

Im Moment definitiv Schatten.

Finn scheint dieses Lebensmodell übrigens längst perfektioniert zu haben. Er besitzt praktisch nichts, verfolgt keine Nachrichten, kennt weder Inflation noch geopolitische Spannungen und beginnt trotzdem jeden Morgen mit einem ziemlich konkreten Programm: raus, schnüffeln, fressen, schlafen – die Reihenfolge bleibt verhandelbar.

Politisch sollte ich mich vermutlich nicht unbedingt an Finn orientieren.

Beim Leben bin ich mir da inzwischen weniger sicher.


Und dann steht da noch mein Zeug

Denn wenn Sommer im Norden und Winter im Süden tatsächlich eine Möglichkeit wären, bleibt eine ziemlich profane Frage:

Wohin mit meinem Besitz?

Mit all den Möbeln, Kisten, Erinnerungen, wichtigen Dingen und der vermutlich noch größeren Menge an Dingen, die irgendwann einmal wichtig gewesen sein müssen, deren genaue Bedeutung mir inzwischen allerdings entfallen ist.

Und plötzlich wird aus einer Wetterfrage eine philosophische.

Wann wird Haben eigentlich zum Festhalten?

Vielleicht beginnt Besitz genau dort interessant zu werden, wo er aufhört, nur aus Dingen zu bestehen. Wir hängen Erinnerungen daran, ein Stück Vergangenheit, manchmal auch Sicherheit – und irgendwann fällt es schwer zu unterscheiden, was wir wirklich bewahren möchten und was einfach nur geblieben ist.

Vielleicht ist Freiheit deshalb gar nicht, nichts zu besitzen. Vielleicht bedeutet sie eher, selbst entscheiden zu können, was bleiben darf, ohne von dem festgehalten zu werden, was man einmal für wichtig hielt.

Im Camper wird diese Frage erstaunlich konkret. Der Platz ist begrenzt, und damit muss fast jedes Ding irgendwann erklären, warum es eigentlich noch mitfährt. Manche haben darauf eine ziemlich gute Antwort. Andere werden auffällig still.

Und irgendwo steht dann noch das Sofa.

Vielleicht brauche ich einen festen Ort. Vielleicht reicht irgendwann der Camper. Vielleicht liegt die Wahrheit wie so oft irgendwo dazwischen – im Sommer etwas weiter nördlich, im Winter etwas weiter südlich.

Finn scheint diese philosophische Baustelle längst abgeschlossen zu haben. Sein Besitz passt in eine Kiste, seine Vergangenheit offenbar in den Kopf und sein Zuhause ist ziemlich zuverlässig dort, wo wir gerade sind.

Manchmal beneide ich ihn darum.

Andererseits hat er auch noch nie versucht, ein Sofa zu verkaufen.

Vielleicht ist Freiheit am Ende nicht, wenig zu haben – sondern wenig zu brauchen, um bleiben oder gehen zu können.


Und dann gibt es da noch meinen Container.

Meinen Container voller Schätze.

Zumindest nenne ich sie so, denn „Container voller Zeug, von dem ich mich bisher nicht trennen konnte“ klingt deutlich weniger philosophisch. Dort lagern Erinnerungen, Dinge aus früheren Zeiten, manches wertvoll, manches vermutlich nur für mich und einiges, bei dem ich wahrscheinlich erst beim Öffnen der nächsten Kiste wieder erfahren werde, warum es einmal unbedingt aufgehoben werden musste.

Vielleicht ist dieser Container deshalb weniger ein Lagerraum als ein Stück meines bisherigen Lebens, ordentlich verpackt und vorübergehend abgestellt.

Und genau das macht die Sache schwierig: Man kann sein Leben leichter auf wenige Quadratmeter im Camper reduzieren als seine Geschichte.

Die passt nämlich nicht immer ins Handschuhfach.


Am Ende habe ich also eine ziemlich überschaubare Situation erfolgreich zu einer Grundsatzfrage über Freiheit, Besitz, Heimat, Politik und den Sinn eines Containers voller Schätze ausgebaut.

Dabei war mir eigentlich nur zu heiß.

Vielleicht ist das aber genau das Schöne am Unterwegssein: Man beginnt mit der Frage, wo es ein paar Grad kühler ist, und landet plötzlich bei der Frage, wie man eigentlich leben möchte.

Die Antwort habe ich noch nicht.

Sommer im Norden, Winter im Süden? Klingt weiterhin verdächtig vernünftig. Den Camper noch unabhängiger machen? Sehr wahrscheinlich. Den Container auflösen? Darüber sprechen wir ein anderes Mal. Das Sofa? Steht gedanklich bereits unter Beobachtung.

Und Finn?

Der liegt im Schatten, hechelt und hält meine gesamte Philosophie vermutlich für vollkommen überflüssig.

Vielleicht hat er recht.

Zu heiß ist zu heiß.

Und dafür braucht man manchmal keine neue Lebensphilosophie.

Sondern einfach nur Norden.

 
 
 

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