Eventualitäten
- Malik (Künstlername)

- Feb 17
- 3 min read

Eventualitäten
Von Berat nach Durrës.
Ein Tag später weiter bis Himarë.
So der Plan.
Eventuell.
In Durrës fahre ich zuerst zum Hafen,
zum Ticketschalter nahe dem Bahnhof.
Eventuell könnte es sein,
dass ich bald nicht nach Italien übersetzen darf.
Eventuell fehlen mir Papiere.
Eventuell eine Vorgabe, von der ich noch nichts weiß.
Eventuell zeigt sie sich erst,
wenn man schon alles andere hinter sich gelassen hat.
Also hinfahren.
Nachfragen.
Vor Ort sein.
Eventuell ist das besser,
als später überrascht zu werden.
Das Ticket bekomme ich ohne Probleme.
Kabine.
Hund erlaubt.
Fast zu einfach.
Eventuell zu einfach.
Denn die Menschen hinter dem Schalter
scheinen wenig über Grenzmodalitäten zu wissen.
Eventuell wissen sie es nicht.
Eventuell wissen sie es,
aber es interessiert sie nicht.
Ein Ticket kann man kaufen.
Ob man damit ankommt,
ist eventuell eine andere Geschichte.
Auf der Schnellstraße fühlt es sich an
wie starker Seitenwind.
Das Auto zieht leicht.
Arbeitet gegen etwas Unsichtbares.
Eventuell Wind.
Eventuell Einbildung.
Eventuell ein technisches Problem.
Kurz denke ich:
Eventuell ein Autoschaden?
Beim nächsten Halt sehe ich es.
Beide Vorderreifen.
Ziemlich platt.
Beide.
Auf einmal.
Warum sind beide Reifen gleichzeitig platt?
Eventuell ein Nagel.
Eventuell zwei.
Eventuell kurz hintereinander.
Eventuell Absicht.
Eventuell Zufall.
Eventuell Albanien.
Ich fahre weiter, vorsichtig.
Tankstelle eins:
Kompressor kaputt.
Eventuell wirklich kaputt.
Tankstelle zwei:
Auch kaputt.
Eventuell Zufall.
Tankstelle drei:
Kompressor vorhanden.
Fünf Euro.
Ich sage: Ich habe platte Reifen.
Er sagt: Bezahlen.
Eventuell eine Masche.
Eventuell einfach Alltag.
Eventuell beides.
Ich fahre weiter.
Sehr müde.
Eine Parkbucht.
Ein Schild mit Parkgebühren.
Unverständlich.
Ich versuche per SMS zu zahlen.
Keine Bestätigung.
Eventuell hat es funktioniert.
Eventuell nicht.
Eventuell wartet morgen ein Knöllchen.
Es ist dunkel.
Unbekannte Gegend.
Ein paar Straßenhunde.
Finn bleibt im Auto.
Ein paar Jugendliche stehen nahebei.
Schauen.
Reden.
Verschwinden.
Kurz danach ein Auto.
Fährt vorbei.
Hält.
Setzt langsam zurück.
Parkt direkt neben mir,
obwohl alles andere frei ist.
Verdunkelte Scheiben.
Niemand steigt aus.
Eventuell harmlos.
Eventuell nicht.
Eventuell ein Überfall.
Eventuell nur mein Gefühl.
Wegen des Autos,
wegen des Parktickets,
wegen all der Eventualitäten
fahre ich weiter.
Raus aus der Stadt.
Eine Landstraße direkt am Meer.
Eine Parkbucht.
Hier bleibe ich.
Meeresrauschen.
Nacht.
Ich denke an die Straßen,
die ich habe abrutschen sehen.
Eventuell rutscht auch diese hier.
Eventuell nachts.
Eventuell mit mir.
Eventuell passiert nichts.
Es passiert nichts.
Am Morgen:
Sonnenaufgang über dem Meer.
Still.
Weit.
Was könnte diesen Moment stören?
Ein platter Reifen.
Da ist er.
Vorne.
Schon wieder.
Was jetzt?
Eventuell komme ich hier nicht weg.
Eventuell brauche ich Hilfe.
Eventuell finde ich keine.
Der ADAC kann nichts tun.
Eventuell bin ich auf mich gestellt.
Dann doch:
Eine Werkstatt.
Sie kommt.
Schnell.
Repariert.
Ich bezahle.
Weiter.
Ein paar Kilometer später:
Der andere Vorderreifen verliert Luft.
Der, der morgens noch okay war.
Eventuell war er es nie.
Eventuell hat er nur gewartet.
Ich fahre zurück.
Auch dieser Reifen ist hinüber.
Zwei Reifen.
Nägel.
Keine funktionierenden Luftstationen.
Eine funktionierende nur gegen Geld,
wenn man fast schon steht.
Eine schwierige Nacht.
Und am Morgen eine Werkstatt
wie zufällig vor der Tür.
Eventuell Zufall.
Eventuell System.
Eventuell eine Masche auf der Touristenstrecke.
Eventuell eine Geschichte,
die man nicht beweisen kann.
Eventuell eine,
die trotzdem stimmt.
Ich will weiter zum Blauen Auge.
Eine Quelle, so klar und blau,
dass man eventuell meinen könnte,
man sei mit einem blauen Auge davongekommen.
Unterwegs ein kleines Pferd.
Am Straßenrand.
Die Vorderhufe zusammengebunden.
Kein Mensch weit und breit.
Eventuell vergessen.
Eventuell absichtlich.
Eventuell Gleichgültigkeit.
Ich halte an.
Zögere.
Hole eine Schere.
Schneide die Fessel durch.
Das Pferd bleibt stehen.
Dann frei.
Eventuell war das meine Prüfung.
Am Straßenrand halte ich an.
Ein kleiner Tisch.
Eine Kiste.
Frisch gepflückte Erdbeeren.
Eventuell ein Trostpflaster.
Ich kaufe sie.
Bezahle einen Preis,
der eher nach Europa klingt
als nach Albanien.
Eventuell Touristenabzocke.
Eventuell einfach Angebot und Nachfrage.
Eventuell mein eigenes Bedürfnis
nach etwas Süßem in all dem Unsicheren.
Ich esse.
Langsam.
Nicht alle sind süß.
Manche schmecken nach Frühling,
manche nach Warten.
Eventuell zu früh gepflückt.
Eventuell wie diese Reise selbst.
Ein paar sind gut genug,
um zu bleiben.
Weiter nach Gjirokastër.
Der geplante Campingplatz: geschlossen.
Eventuell heute keine Dusche.
Ein anderer Platz taucht auf.
Dusche funktioniert.
Kaum fertig,
zieht ein Gewitter auf.
Regen.
Blitz.
Donner.
Eventuell war mein Wunsch nach Sauberkeit zu groß.
Am Ende bleibt diese Etappe
eine Sammlung von Eventualitäten.
Hier plant man nicht.
Hier rechnet man.
Und wenn man gerechnet hat,
kommt doch etwas anderes.
Man reagiert erst,
wenn es da ist.
Eventuell zu spät.
Eventuell genau richtig.
Und vielleicht ist genau das
die eigentliche Regel dieser Reise.








































Eine wahre Herausforderung für den Deutschen und den Schweden allemal. Nichts ist planbar, nichts ist sicher. Was bringt der nächste Tag? Alles ist "eventuell". Es ist eine andere Art zu leben. Vielleicht gewöhnt man sich daran. Der Übergang dahin wird aber schmerzhaft.