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Einmal ist nicht genug

Writer: Malik (Künstlername)
Malik (Künstlername)
5 days ago
9 min read

Manche Wege fährt man nur einmal im Leben.

Und manche offenbar nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass eine Reise niemals nur aus Straßen, Orten und Kilometern besteht und man deshalb denselben Weg ein zweites Mal fahren kann, ohne wirklich dieselbe Reise zu machen. Die Landschaft mag noch dort sein, wo man sie in Erinnerung hat, die Berge stehen ziemlich zuverlässig an derselben Stelle und selbst die Straßen haben sich vermutlich nicht allzu sehr darum gekümmert, dass man schon einmal hier war – und trotzdem ist alles ein wenig anders.

Weil Zeit vergangen ist.

Weil Dinge passiert sind.

Und weil auch derjenige, der wiederkommt, nicht mehr ganz derselbe ist, der damals weitergefahren ist.

Vielleicht ist einmal also manchmal einfach nicht genug.

Und so sind wir wieder unterwegs: Finn, der Camper und ich, diese inzwischen ziemlich eingespielte kleine Reisegemeinschaft, mit einer groben Richtung vor der Windschutzscheibe, genügend Zeit im Gepäck und der schönen Gewissheit, dass wir diesmal noch weniger wissen müssen, wo wir am Ende eigentlich ankommen werden.

Noch einmal Norden – bevor es nach Süden geht

Diese Etappe beginnt allerdings nicht im Süden Deutschlands und auch noch lange nicht zwischen hohen Bergen, sondern in Hjo in Schweden, wo für uns zunächst wieder dieser eigenartige Moment gekommen ist, in dem aus einem Ort, an dem man gerade noch lebt, plötzlich ein Ort wird, den man verlässt.

Ich mag diesen Übergang, obwohl er immer ein bisschen schwer zu greifen ist, denn eigentlich passiert zunächst nichts weiter, als dass die letzten Dinge ihren Platz im Camper finden, die Tür ins Schloss fällt und irgendwann der Motor läuft. Trotzdem verändert sich in genau diesem Moment etwas, weil der Blick nicht mehr zurückgeht, sondern wieder nach vorne, dorthin, wo eine Straße wartet, deren Ende man noch nicht sehen kann.

Von Hjo aus geht es diesmal Richtung Fähre und damit nicht einfach nur über Asphalt zurück nach Deutschland, sondern erst einmal übers Wasser, was einer Reise für mich immer einen ganz eigenen Rhythmus gibt.

Man fährt den Camper auf das Schiff, stellt den Motor ab und gibt das Vorwärtskommen für ein paar Stunden einfach aus der Hand, während draußen nur Wasser ist und irgendwo hinter dem Horizont bereits das nächste Stück der Reise wartet.

Schweden wird langsam kleiner, Deutschland kommt näher und dazwischen liegt diese Zeit, in der man weder hier noch dort ist und auch überhaupt nichts daran ändern kann, wie schnell es weitergeht.

Eigentlich ein ziemlich schöner Zustand für jemanden, der gerade wieder lernen möchte, nicht alles planen zu müssen.

Einmal quer durch – im Schnelldurchlauf

Wieder auf deutschem Boden geht es zunächst nach Eutin und von dort weiter Richtung Westen, wobei dieser Teil der Reise tatsächlich eher unter die Kategorie „Kilometer machen“ fällt, denn Leverkusen und Bonn warten und anschließend noch ein kurzer Abstecher in die Eifel.

Doch dieser Abstecher ist alles andere als zufällig.

Ockenfels ist das Ziel.

Nicht wegen eines besonders schönen Stellplatzes, keiner Sehenswürdigkeit und auch keiner Empfehlung, die irgendwo mit fünf Sternen versehen wurde, sondern weil meine Mutter einen runden Geburtstag feiert und von meiner kleinen Reiseplanung nur einen entscheidenden Teil nicht kennt:

Sie weiß nicht, dass ich komme.

Nach all den Kilometern, Ländern und Landschaften ist es deshalb ausgerechnet dieser kleine Punkt auf der Karte, der plötzlich wichtiger wird als alles andere, denn manchmal bedeutet Reisen eben nicht, möglichst weit wegzukommen, sondern im richtigen Augenblick wieder dort aufzutauchen, wo niemand mit einem rechnet.

Und genau so stehe ich plötzlich da.

Als Überraschungsgast.

Solche Momente lassen sich ohnehin nur schwer planen, selbst wenn man sie vorher geplant hat, denn am Ende ist es dieser eine Gesichtsausdruck, dieses kurze Begreifen und die Freude darüber, dass jemand, den man eigentlich irgendwo weit weg vermutet hat, plötzlich vor einem steht.

Vielleicht bleiben von einer langen Reise später genau solche Dinge übrig und nicht die Autobahnabfahrten, Tankstellen oder gefahrenen Kilometer.

Für einen Moment ist das Unterwegssein deshalb einfach mal nicht wichtig.

Es gibt Familie, Geburtstag, Wiedersehen und dieses schöne Gefühl, genau dort zu sein, wo man gerade hingehört.

Und irgendwann kommt trotzdem wieder der Moment, in dem aus dem Ankommen erneut ein Aufbrechen wird.

Jetzt wirklich Richtung Süden

Der Camper wird wieder eingeräumt, Finn nimmt seinen Platz ein und aus der vertrauten Umgebung wird langsam wieder Landschaft hinter der Windschutzscheibe.

Über Böblingen führt die Strecke nun endgültig Richtung Süden, und irgendwo auf diesen Kilometern merke ich, wie sich auch das Gefühl der Reise verändert.

Bis hierher war da noch dieses Zurückkommen: aus Schweden nach Deutschland, zu vertrauten Orten, zu vertrauten Menschen und zu einem Geburtstag, für den sich jeder Umweg gelohnt hätte.

Jetzt liegt das alles wieder hinter uns.

Vor uns liegt Straße.

Und genau diese Straße beginnt sich langsam zu öffnen.

Vielleicht ist das einer der schönsten Momente beim Reisen mit dem Camper, denn ich verlasse eigentlich kein Zuhause mehr, weil ich einen Teil davon ständig mit mir herumfahre. Alles Wesentliche ist da, Finn sowieso, und wenn irgendwo ein Ort auftaucht, an dem wir bleiben möchten, dann wird aus einem Parkplatz, einer Wiese oder einem Stück Landschaft für ein paar Stunden eben unser Zuhause.

Finn betrachtet diese ganze Philosophie erwartungsgemäß etwas nüchterner, denn solange regelmäßig die Tür aufgeht, irgendwo Gras vorhanden ist und ich nicht vergesse, dass seine Pausen grundsätzlich wichtiger sind als meine Kilometerplanung, scheint die Welt für ihn ziemlich gut organisiert zu sein.

Vielleicht hat er damit wieder einmal mehr verstanden als ich.

Denn während ich darüber nachdenke, wohin diese Reise führen könnte, interessiert ihn vor allem der Ort, an dem wir gerade sind.

Und plötzlich liegt da der Bodensee

Irgendwann wird die Landschaft weicher, der Horizont weiter und zwischen all dem Grün taucht plötzlich dieses große Stück Blau auf, das man eigentlich gar nicht übersehen kann.

Der Bodensee.

Obwohl ich diese Strecke schon kenne, ist es wieder dieser Moment, in dem man automatisch hinschaut, denn manche Landschaften nutzen sich offenbar nicht ab, nur weil man sie schon einmal gesehen hat.

Vielleicht gilt auch hier: einmal ist nicht genug.

Ich fahre am See entlang und schaue immer wieder hinüber, soweit Straße und Verkehr das zulassen, während das Wasser der Landschaft diese eigenartige Weite gibt, die gleichzeitig beruhigt und neugierig macht.

Und mit dem Bodensee verändert sich auch die Reise.

Bis hierher lagen viele Kilometer hinter uns, eine Fähre, Deutschland im Schnelldurchlauf, vertraute Menschen und ein ganz besonderer Geburtstag.

Jetzt beginnt wieder dieses andere Unterwegssein.

Langsamer im Kopf, auch wenn der Tacho etwas anderes behauptet.

Offener.

Weniger festgelegt.

Eine Richtung zu haben, reicht manchmal vollkommen aus.

Und unsere führt weiter nach Süden.

Birnau – über dem See

Dann taucht sie auf, die Wallfahrtskirche Birnau, hoch über dem Bodensee gelegen, umgeben von Weinbergen und mit diesem Blick über das Wasser, der beinahe ein bisschen zu schön wirkt, um zufällig entstanden zu sein.

So ein Ort ist unterwegs für mich mehr als eine Sehenswürdigkeit, an der man einen Haken machen könnte, denn gerade auf einer längeren Fahrt sind es häufig diese Bilder am Straßenrand, die sich irgendwie festsetzen. Man sieht etwas, nimmt es für einen Moment wahr, denkt vielleicht noch kurz darüber nach und fährt schon wieder weiter, während das Bild selbst trotzdem mitkommt.

Birnau ist so ein Bild, mit der Kirche über dem See, den Weinbergen drumherum und dem Wasser dahinter, während sich die Landschaft weit bis zum Horizont öffnet und dabei fast ein bisschen zu perfekt aussieht.

Vielleicht muss man gar nicht jedes Mal anhalten, hineingehen und versuchen, einen Ort vollständig zu erfassen.

Manchmal genügt dieses Vorbeifahren, ein Blick und der Gedanke, dass es schön ist, dass so etwas einfach dort steht.

Und weiter geht es.

Die Orte, die keinen Namen brauchen

Fast noch mehr mag ich inzwischen allerdings diese Zwischenstopps, die überhaupt keinen berühmten Namen tragen, in keinem Reiseführer hervorgehoben werden und die man wahrscheinlich niemals gefunden hätte, wenn man vorher danach gesucht hätte.

Man fährt, sieht irgendwo eine Möglichkeit zum Anhalten, biegt ab und steht wenig später an einem Platz, dessen Namen man vielleicht schon am nächsten Tag nicht mehr weiß, der aber genau in diesem Augenblick vollkommen richtig ist.

Dann geht die Tür auf, Finn darf raus und erkundet wie immer sehr gewissenhaft die nähere Umgebung, während ich zunächst einfach stehen bleibe und schaue, denn manchmal gibt es dort tatsächlich nicht viel mehr als Wiesen, ein paar Bäume, einen Feldweg und irgendwo in der Ferne die Berge.

Mehr braucht es in diesem Moment auch gar nicht.

Aus den geplanten wenigen Minuten wird dann vielleicht eine halbe Stunde, daraus eine Stunde und manchmal noch ein bisschen mehr, weil es keinen vernünftigen Grund gibt, sofort wieder loszufahren und weil man irgendwann merkt, dass genau darin ein großer Teil dieses Reisens liegt: nicht aus jedem Ort etwas machen zu müssen und nicht jeden schönen Platz fotografieren, abspeichern oder später irgendjemandem empfehlen zu können.

Manche Orte dürfen einfach nur für diesen einen Moment schön sein, und vielleicht macht gerade die Gewissheit, dass man vermutlich niemals wiederkommen wird, diesen Moment ein wenig wertvoller.

Finn läuft ein Stück voraus, bleibt irgendwo stehen und beschäftigt sich hingebungsvoll mit Dingen, die meiner Aufmerksamkeit vollständig entgehen würden, während ich in diese Weite schaue und mich frage, warum ausgerechnet ein namenloser Platz irgendwo am Wegesrand manchmal mehr Ruhe auslösen kann als ein Ziel, auf das man sich tagelang gefreut hat.

Vielleicht ist es gerade das Fehlen einer Erwartung.

Nichts muss besonders sein.

Und plötzlich ist es das doch.

Irgendwann steigen wir wieder ein und fahren weiter, während der Platz langsam im Rückspiegel verschwindet und trotzdem etwas davon bei uns bleibt.

Die Berge kommen näher

Je weiter es nach Süden geht, desto deutlicher verändert sich die Landschaft, denn die Berge, die zunächst nur irgendwo am Horizont standen, rücken näher, werden größer und bestimmen irgendwann fast alles.

Die Straßen ziehen sich durch Täler, steigen an, verschwinden in Tunneln und tauchen auf der anderen Seite wieder auf, während sich die Landschaft innerhalb weniger Kilometer erneut verändert und man manchmal das Gefühl bekommt, an einem einzigen Tag durch mehrere völlig unterschiedliche Welten zu fahren.

Der Camper macht dabei zuverlässig das, was er machen soll, auch wenn er an manchen Steigungen durchaus hörbar daran erinnert, dass er samt Finn, mir und unserem ganzen Hausstand ein paar Kilo mehr mit sich herumträgt als ein kleiner Sportwagen.

Dann wird es eben etwas gemütlicher, und diejenigen, die es eiliger haben, dürfen an uns vorbeiziehen, während wir unseren eigenen Rhythmus finden.

Denn Zeit zu haben bedeutet vielleicht nicht, möglichst viel davon irgendwo zu verbringen, sondern sie nicht ständig sparen zu müssen.

Hinauf zum Reschenpass

Je näher wir dem Reschenpass kommen, desto mehr bekommt die Fahrt dieses richtige Alpengefühl, bei dem die Straße nicht mehr nur die Verbindung zwischen zwei Orten ist, sondern selbst zu einem Teil der Reise wird.

Kurve für Kurve geht es hinauf, der Camper bekommt zunehmend zu tun und draußen werden die Berge mächtiger, bis wir irgendwann auf rund 1.500 Metern unterwegs sind und der Bodensee mit seinen sanften Ufern und Weinbergen schon wieder zu einer Landschaft gehört, die erstaunlich weit entfernt wirkt.

Hier oben ist alles ein wenig rauer, klarer und gleichzeitig wieder unglaublich weit, und vielleicht ist es genau dieser Wechsel, der mich so fasziniert, denn innerhalb weniger Stunden kann aus einem See zwischen Weinbergen eine hochalpine Landschaft werden, in der man sich selbst plötzlich wieder ziemlich klein vorkommt.

Dann kommt der Reschensee.

Und irgendwann sieht man ihn tatsächlich: den alten Kirchturm von Alt-Graun, der aus dem Wasser ragt und den wahrscheinlich fast jeder schon einmal auf irgendeinem Bild gesehen hat.

Aber Bilder und Davorstehen sind zwei verschiedene Dinge.

Plötzlich ist dieser Turm nicht mehr nur ein bekanntes Fotomotiv, sondern ein stilles Überbleibsel einer Geschichte, denn unter dieser Wasseroberfläche lag einmal ein Dorf, mit Häusern, Straßen, Wiesen und Orten, an denen Menschen gelebt haben, bevor das Wasser kam.

Nur der Turm blieb sichtbar.

Und vielleicht passt gerade dieses Bild erstaunlich gut zu einer Reise, denn auch von den Orten, durch die wir fahren, bleibt am Ende immer nur ein Teil sichtbar.

Ein Bild.

Ein Geruch.

Ein Gespräch.

Eine Aussicht.

Ein Gefühl.

Der Rest verschwindet irgendwo unter der Oberfläche unserer Erinnerung, ohne deshalb wirklich weg zu sein.

Über den Reschenpass nach Italien

Kurz darauf führt die Straße über den Reschenpass und damit über die Grenze nach Italien, wobei dieser Übergang heute beinahe beiläufig geschieht, wenn man bedenkt, wie bedeutend Grenzen früher einmal gewesen sein müssen.

Ein Schild, ein paar Meter Straße und plötzlich heißt das Land anders, während die Berge sich für diese menschliche Einteilung erwartungsgemäß überhaupt nicht interessieren und Finn vermutlich noch weniger, denn für ihn dürfte Italien vor allem daran zu erkennen sein, dass es auf dieser Seite der Grenze ebenfalls ausgesprochen interessante Wiesen gibt.

Für mich ist dieser Moment trotzdem besonders.

Hjo liegt inzwischen weit hinter uns, irgendwo dazwischen liegen Schweden, eine Fähre, Eutin, Leverkusen, Bonn, die Eifel, Ockenfels und ein Geburtstag, bei dem ich für einen kurzen Moment nicht Reisender, sondern einfach Sohn war.

Danach Böblingen, der Bodensee, Birnau, namenlose Plätze und immer größer werdende Berge.

Und jetzt Italien.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es erstaunlich, wie viel Leben zwischen einen Startpunkt und eine Grenze passen kann.

Einmal ist nicht genug

Vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage, warum man eine Strecke noch einmal fährt.

Nicht weil man beim ersten Mal etwas vergessen hätte.

Nicht weil die Landschaft inzwischen eine andere geworden wäre.

Und auch nicht, weil man versucht, eine alte Reise zu wiederholen.

Sondern weil Wiederkommen manchmal zeigt, wie sehr man selbst weitergegangen ist.

Der Bodensee ist noch da, die Birnau steht noch über dem Wasser, der Kirchturm ragt noch immer aus dem Reschensee und die Berge haben ohnehin nicht auf meine Rückkehr gewartet.

Aber ich sehe sie heute mit anderen Augen.

Und zwischen diesen bekannten Orten liegen wieder all diese unbekannten Plätze, an denen Finn und ich aussteigen, obwohl wir ihren Namen nicht kennen und wahrscheinlich niemals erfahren werden, wie sie heißen.

Vielleicht machen gerade sie den Unterschied zwischen derselben Strecke und einer neuen Reise.

Wenn irgendwo ein Ort auftaucht, an dem die Welt plötzlich weit wird, halten wir an, Finn erkundet die Gegend und ich mache mir einen Kaffee, während der Camper für eine Weile nicht mehr Fahrzeug, sondern Zuhause ist und die Straße einfach warten darf.

Irgendwann kommt der Moment, in dem wir wieder einsteigen, der Motor startet und dieser kleine unbekannte Ort langsam im Rückspiegel verschwindet, während vor der Windschutzscheibe bereits das nächste Stück Straße liegt.

Und vielleicht ist einmal tatsächlich nicht genug.

Nicht, weil man dasselbe noch einmal erleben möchte.

Sondern weil derselbe Weg manchmal eine völlig neue Geschichte erzählt.

Italien liegt vor uns.

Und diesmal weiß ich noch weniger als beim ersten Mal, wohin es danach geht.

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